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Herr Leuenberger, wir nehmen Sie beim Wort!

Veröffentlicht am: 08. 12. 2009

Nur der "Aufbruch ins Zeitalter der klimatischen Aufklärung“ habe Zukunft, erklärte unlängst Bundesrat Leuenberger. Herr Bundesrat, wir nehmen Sie beim Wort: Gehen Sie mit dieser Botschaft nach Kopenhagen und verdoppeln Sie das schäbige 20 Prozent-Reduktionsangebot der Schweiz.

Bei der Weltklimakonferenz, die am 8. Dezember in Kopenhagen beginnt, steht die Zukunft des Planeten Erde und das Schicksal der Menschheit zur Disposition. RegierungsvertreterInnen aus aller Welt sind aufgerufen, ein Abkommen auszuhandeln, das eine Klimakatastrophe verhindern kann.
Die Wissenschaft hat viel geleistet, um der Politik dazu klare und objektive Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Keine Regierung wird sagen können, sie habe nicht gewusst, was notwendig wäre, um die Welt vor der drohenden Katastrophe zu bewahren. 2 Grad plus, mehr darf sich das Klima nicht erwärmen. Sonst droht eine unkontrollierbare „Kettenreaktion“.
Was sich dagegen deutlich erwärmen müsste, ist das Verhandlungsklima. In den letzten Monaten wurde es zwischen den reichen und den armen Ländern immer frostiger. Bei keinem anderen Thema zeigt sich deutlicher: Die Menschheit ist zwar eine Schicksals-, aber keine Solidargemeinschaft.
Die Klimaveränderung stellt die Gerechtigkeitsfrage zwischen Nord und Süd mit neuer Dringlichkeit. Denn ein neues Klimaabkommen, das auch die Schwellen- und Entwicklungsländer einbezieht, ist nur zu haben, wenn es sich an der Gleichberechtigung aller Menschen orientiert.
Hauptleidtragende des Klimawandels sind die Menschen in den Entwicklungsländern, obwohl sie dafür nicht verantwortlich sind. Afrika stösst nur 3 bis 4 Prozent des CO2 aus. Aber Afrika und andere arme Länder bezahlen hart für die Klimasünden des Nordens. Dürren und Überschwemmungen vernichten ihre Ernten, Hurrikane und steigende Meeresspiegel zerstören ganze Landstriche, Krankheiten breiten sich aus, das Trinkwasser wird noch knapper werden.
Als Hauptverursacher tragen die Industriestaaten, auch die Schweiz, eine doppelte Verantwortung. Erstens müssen sie Ernst machen mit der drastischen CO2-Reduktion im eigenen Land. Konkret heisst das, den Ausstoss bis 2020 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren. Denn anders ist die Erwärmung nicht unter 2 Grad zu halten. Deshalb ist das Angebot des Bundesrates grobfahrlässig, den CO2-Ausstoss in der Schweiz nur um 20 Prozent zu senken.
Zweitens müssen die Industriestaaten den Entwicklungsländern mit massiven Finanzmitteln und klimafreundlichen Technologien helfen, die Folgen des Klimawandels zu mildern und einen CO2-armen Entwicklungspfad einzuschlagen. Es ist der Preis für das jahrzehntelange Aufheizen der Atmosphäre.
Die Schweiz müsste nach Schätzungen von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen rund 1,7 Milliarden Franken pro Jahr (1 Prozent) an die weltweiten Kosten beisteuern. Doch der Bundesrat hat sich bisher nicht ernsthaft mit der Frage auseinandergesetzt. Dabei geht es nicht um Barmherzigkeit, sondern um das Verursacherprinzip.
Die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman schrieb in ihrem Buch „Die Torheit der Regierenden, von Troja bis Vietnam“: „In der Regierungskunst bleiben die Leistungen der Menschheit weit hinter dem zurück, was sie auf fast allen anderen Gebieten vollbracht hat“. Bei der Klimapolitik zeigt sich das in aller Schärfe. Das Problembewusstsein der besorgten Weltöffentlichkeit ist viel weiter fortgeschritten als die Handlungsbereitschaft der Politik. Deshalb ist es wichtig, dass Umwelt- und Entwicklungsorganisationen in Kopenhagen den versammelten Regierungen Dampf machen. Ohne Druck wird kein taugliches Klimaabkommen zustande kommen.
Bundesrat und Umweltminister Moritz Leuenberger erklärte unlängst vor der Meteorologischen Weltorganisation in Genf, nur der „Aufbruch ins Zeitalter der klimatischen Aufklärung“ habe Zukunft. Herr Bundesrat, wir nehmen Sie und beim Wort. Gehen Sie mit dieser Botschaft nach Kopenhagen und verdoppeln Sie das schäbige 20 Prozent-Reduktionsangebot der Schweiz. Die Welt braucht ein ambitioniertes, gerechtes Klimaschutzabkommen. Und die Schweiz muss ihren Anteil dazu leisten.
Rosmarie Bär, Alliance Sud

Rosmarie Bär ist Mitglied der offiziellen Schweizer Delegation an der Uno-Klimakonferenz von Kopenhagen

Dieser Beitrag erschien als "Tribüne" in "Der Bund" vom 7. Dezember 2009.

Klassifizierung: Klima , Schweiz
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