Was hat Klimaschutz mit Entwicklungspolitik zu tun? Welche Folgen hat die Erwärmung für Entwicklungsländer? Was sind die Streitpunkte in der internationalen und nationalen Klimapolitik? Was muss getan werden, um die armen Länder vor den Folgen des Klimawandels zu schützen? Und wie soll das finanziert werden?
2009 und 2010 stehen international und national Entscheidungen zur
Klimapolitik von grosser Bedeutung an. In den allernächsten Jahren
müssen die Länder beginnen, den Ausstoss von Treibhausgasen nachhaltig
zu reduzieren und aus den fossilen Energien (Öl, Kohle, Erdgas)
auszusteigen. Sonst riskiert die Menschheit eine Klimaerwärmung mit
unberechenbaren und gefährlichen Auswirkungen auf das Leben von
Milliarden von Menschen.
Verantwortliche und Betroffene
Da sich die Treibhausgase in der Atmosphäre über Jahrzehnte
akkumulieren, tragen die alten Industrieländer die Hauptverantwortung
für die Klimaerwärmung. Hauptbetroffene sind demgegenüber die
Entwicklungsländer: Sie leiden stärker unter der Klimaerwärmung, sind
weniger für die Emission von Treibhausgasen verantwortlich und verfügen
nicht über genügend Ressourcen und Kapazitäten, um sich den Folgen der
Klimaerwärmung anzupassen. Das ist die Ausgangslage, welche die
internationalen Verhandlungen prägt und erschwert.
Die völkerrechtlich verbindliche Grundlage der internationalen
Klimapolitik ist die Klimarahmenkonvention der Uno von 1994. Sie hält
insbesondere fest, dass die Industriestaaten als historische
Verursacher ihre Treibhausgasemissionen senken sollten, bevor sich die
Entwicklungsländer selber dazu verpflichten. Entsprechend umfasst der
später ausgehandelte Kyoto-Vertrag, der erste Abbauschritte bis 2012
vorschreibt, nur die (alten) Industrieländer, darunter die Schweiz. Die
USA, die den Inhalt des Kyoto-Vertrags wesentlich mitgestalteten,
ratifizierten ihn aus innenpolitischen Gründen schliesslich nicht.
Seit
2006 laufen nun internationale Verhandlungen für ein
Post-Kyoto-Klimaabkommen, das nach 2012 in Kraft treten sollte. Der
Abschluss der Verhandlungen ist auf die Klimakonferenz vom Dezember
2009 in Kopenhagen vorgesehen. Anfang 2009 sind allerdings so viele
Streitfragen ungeklärt, dass es fraglich ist, ob der Fahrplan
eingehalten werden kann.
Schwellenländer einbeziehen
Das Post-Kyoto-Klimaregime wird auch die Entwicklungsländer mit
einschliessen müssen, um Sinn zu machen – vor allem die
Schwellenländer, die sich stark industrialisieren. Auch wenn ihr
Ausstoss an Treibhausgasen historisch gesehen bislang gering war, haben
sich die Emissionen aller Entwicklungsländer seit 1980 verdreifacht und
machten 2005 die Hälfte der weltweiten Emissionen aus. Tendenz
steigend. Die Entwicklungsländer umfassen allerdings 85 Prozent der
Menschheit, die reichen Länder nur 15 Prozent – ihr Pro-Kopf-Anteil an
den Emissionen liegt deshalb deutlich tiefer als bei den
Industrieländern. Um die Entwicklungsländer in ein Klimaabkommen
einbeziehen zu können, werden die Industrieländer nicht um gewichtige
Konzessionen herumkommen.
Hemmnis Wirtschaftskrise
Das Klimaproblem ist seit zwanzig Jahren auf der politischen Agenda.
In diesem Zeitraum hat eine beispiellose Zusammenarbeit von
WissenschafterInnen aus allen Ländern im Rahmen der Uno die Kenntnisse
über den menschenverursachten Klimawandel bedeutend erhöht. Der jüngste
Bericht des klimapolitischen Sachverständigenrats der UNO von 2007 ist
zugleich der besorgniserregendste geworden. Er hat die Klimafrage nach
langen Jahren der Missachtung wieder ins Zentrum der internationalen
Aufmerksamkeit und Politik gerückt.
Der Zusammenbruch der Finanzmärkte und die Weltwirtschaftskrise
könnten die laufenden Klimaverhandlungen negativ beeinflussen.
Industrielobbyisten warnen vor Emissionsabbaumassnahmen, welche die
«Wettbewerbskraft» schwächen könnten, und haben schon die eine oder
andere Regierung dazu gebracht, auf die Bremse zu stehen. Die globale
Renaissance staatlicher Konjunkturprogramme könnte aber auch eine
Chance für einen Green New Deal darstellen und für beschleunigte
Effizienzsteigerungsmassnahmen und die Umstellung auf erneuerbare
Energien genutzt werden.
Lichtblicke
Positiv für die Klimaverhandlungen ist, dass die politische
Strömung, welche die Klimaerwärmung für ein Märchen oder ein Komplott
«antikapitalistischer» Kräfte hält, mit dem Abgang der Regierung Bush
ihren mächtigsten Rückhalt verliert. Wieweit die Regierung Obama ihre
Vorstellungen einer tatkräftigen Klimapolitik tatsächlich umsetzen will
oder kann, bleibt abzuwarten. Die USA werden aber kaum mehr, wie in der
Vergangenheit, Verhandlungsfortschritte einfach blockieren.
Ein positiver Faktor ist auch, dass Erdöl nicht mehr zu tiefen
Preisen und in unbegrenztem Angebot verfügbar ist. Die meisten rechnen
heute damit, dass die neu erschlossenen Ölvorkommen in wenigen Jahren
den Produktionsausfall nicht mehr ersetzen können, den die Erschöpfung
der bestehenden Ölfelder verursacht (Peak Oil). In den kommenden Jahren
wird deshalb ein starker Preisanreiz entstehen, aus den fossilen
Energien auszusteigen. Der Ölpreiszerfall nach dem Zusammenbruch der
Rohstoffspekulation im Sommer 2008 (ca. 40 Dollar pro Barrel Ende 2008
gegenüber 25 Dollar nach dem 11. September 2001) und die gedrückte
Ölnachfrage in der laufenden Weltwirtschaftskrise verführen allerdings
einige Akteure dazu, den langfristigen Preisanstieg zu verkennen und
nicht einzuplanen.
Die künftige Verknappung und Verteuerung des Erdöls könnte eine
wirksame Klimapolitik und die Umstellung auf erneuerbare Energien
unterstützen. Gleichzeitig ist allerdings zu befürchten, dass sich
Grossmächte einen privilegierten Zugriff auf Erdöl durch Bündnisbildung
und allenfalls militärische Mittel sichern wollen, um die
Anpassungsmassnahmen hinauszuschieben.
Schliesslich muss man in der Beurteilung der Klimaverhandlungen
berücksichtigen, dass sich die Installationen zur Produktion
erneuerbarer Energien zwischen 2000 und 2006 verdoppelt haben. Der
Trend weist steil nach oben. Führend sind einige wenige Industrieländer
wie Deutschland, Spanien und die USA (hier aufgrund lokaler oder
privater Initiativen) sowie China und Indien. Die Schweiz ist in dieser
Hinsicht Entwicklungsland geworden.
Kontroversen in der Schweiz
Die Schweiz hat im CO2-Gesetz die Massnahmen festgelegt, die nötig
sind, um die Abbauverpflichtung des Kyoto-Vertrags einzuhalten. Das
Post-Kyoto-Abkommen wird für die Schweiz neue, wahrscheinlich
einschneidendere Abbauverpflichtungen mit sich bringen. Diese und die
Massnahmen, die zu ihrer Erreichung nötig sind, sind gegenwärtig
Gegenstand innenpolitischer Auseinandersetzungen. Eine breite Allianz
von Umweltverbänden und linksgrünen Parteien reichte 2008 die
Klimainitiative ein. Sie verlangt bis 2020 mindestens eine
30-prozentige Senkung der Emissionen gegenüber dem Stand von 1990,und
zwar zur Hauptsache im Inland. Der Bundesrat gab im Dezember 2008
Varianten für eine CO2-Gesetzesrevision in Vernehmlassung, die als
Gegenvorschlag zur Klimainitiative dienen sollen. Wesentliche Etappen
der Entscheidfindung sind die parlamentarische Beratung der
Volksinitiative und des revidierten CO2-Gesetzes 2009/2010 sowie eine
allfällige Volksabstimmung 2010 oder 2011.
Welche Folgen die Klimaerwärmung haben wird, wie sie die armen
Länder gefährdet, was zu ihrer Dämpfung unternommen werden müsste und
was die Streitpunkte der internationalen und nationalen Klimapolitik
sind, stellt Rosmarie Bär, die klimapolitische Verantwortliche von
Alliance Sud, in der Publikation "Klimapolitik: Durchbruch oder Trölerei" dar (pdf, 550kB).
Kontakt: Peter Niggli