Welternährungsgipfel - Gipfel der Ignoranz
Am 18. November ging in Rom der Welternährungsgipfel zu Ende. Eigentlich hätte die Staatengemeinschaft dort Strategien entwickeln und sich zu finanziellen Leistungen verpflichten sollen, um den Hunger wirksamer zu bekämpfen. Rosmarie Bär von Alliance Sud war Mitglied der Schweizer Delegation. Hier ihre Eindrücke.
Die Zahl der Menschen, die an Hunger leiden, ist im Jahre 2009 auf über eine Milliarde gestiegen. Sie hat damit seit dem Beginn der aktuellen Ernährungskrise (und seit dem letzten Welternährungsgipfel im Juni 2008) um 150 Millionen zugenommen. Alle 5 Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen. In einer Welt, die (noch) genügend Nahrungsmittel für alle produziert, ist dies ein politischer Skandal.
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"Der FAO-Leitspruch 'Fiat panis – es werde Brot' wirkt angesichts des mageren Resultates der Konferenz wie eine Verhöhnung der Milliarde von hungernden Menschen". Rosmarie Bär |
An dieser Ausgangslage, an der Frage, was ist notwendig (im wahrsten Sinne des Wortes), um den Hunger in der Welt energisch zu bekämpfen, müssen die Ergebnisse des Gipfels gemessen werden. Fazit: Der politische Wille, die Menschen von der Geissel des Hungers zu befreien, fehlt nach wie vor weitgehend. Die gleichen Staaten, die in kurzer Zeit ihre maroden Banken und das internationale Finanzsystem mit milliardenschweren Rettungspaketen zu Hilfe eilten, sind nicht willens, das Hungerproblem ernsthaft anzupacken. Man „verwaltet“ den Hunger von Gipfel zu Gipfel. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon war nach Rom gekommen, um an die Staatengemeinschaft zu appellieren, endlich den Worten Taten folgen zu lassen.
Boykott durch OECD
Die meisten OECD-Staaten waren am Gipfel nicht durch Regierungs- und StaatschefInnen vertreten. Es fand so etwas wie ein nicht-deklarierter Boykott statt, mit der man die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) und vor allem ihres Generaldirektors Jacques Diouf ausdrücken wollte.
Immerhin schickten die meisten europäischen Länder ihre Agrar- oder EntwicklungsministerInnen. Die Schweiz aber war nur auf Verwaltungsstufe vertreten. Der Bundesrat gab damit gegen aussen das Signal, dass Hungerbekämpfung für die Schweiz nicht höchste politische Priorität hat.
Aus Sicht der Entwicklungsorganisationen ist dies eine unverständliche Haltung. Durch die Abwesenheit der westlichen Länder fehlten diejenigen Akteure, die sich zu einer gerechteren Handelspolitik und zur Abschaffung von ruinösen Exportsubventionen verpflichten müssten. Diese machen die lokalen Märkte in den Entwicklungsländern kaputt und treiben viele Kleinbauernfamilien in den Ruin.
Wer den Hunger bekämpfen will, darf kein leeres Stroh dreschen
Es ist für den Gipfel symptomatisch, dass die Schlusserklärung bereits während der Eröffnungszeremonie verabschiedet wurde. Darin wird eine globale Partnerschaft für Landwirtschaft und Ernährungssicherung begründet und die "Beendigung des Hungers in der Welt" als strategisches Ziel festgeschrieben. Wie diese Partnerschaft konkret aussehen soll, bleibt unbeantwortet.
Was auf acht Seiten erklärt, betont, unterstrichen, begrüsst, bekräftigt oder unterstützt wird, ist nicht anderes als eine Zusammenstellung bereits getroffener (und nicht erfüllter) Vereinbarungen und Versprechen. So wird das Millenniumsziel Nr. 1 wiederholt, wonach die Zahl der hungernden Menschen bis 2015 halbiert werden soll. Weder die Anerkennung des Rechts auf Nahrung ist neu, noch die Erkenntnis, dass die Landwirtschaft im Süden mehr gefördert werden muss. Es fehlen Antworten auf brennende Ursachen des Hungers wie den ungerechten Welthandel, Landnahmen (Landgrabbing) durch multinationale Konzerne und asiatische und arabische Staaten (vor allem in Afrika), Spekulation an den Rohstoffbörsen und die öffentlich geförderte Anbau-Strategie von Agrotreibstoffen. Als Papst Benedikt XVI in seiner Rede vor dem Plenum diesen moralischen Missstand anprangerte, war die Deklaration längst verabschiedet.
In der Erklärung fehlen vor allem auch konkrete Ziele für die verstärkte Förderung der ländlichen Entwicklung und der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Beides Instrumente, die zur Hungerbekämpfung zentral sind. Auf die finanzielle Rechnung von FAO-Generaldirektor Jacques Diouf, wonach 44 Milliarden Dollar bereitzustellen seien, um die Agrarproduktion anzukurbeln, wurde nicht eingegangen, die Schlusserklärung schweigt sich auch darüber aus.
Klimawandel als Topthema
Die Folgen des Klimawandels auf die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit in den Entwicklungsländern war während den drei Gipfel-Tagen das Dauerthema. In den Redebeiträgen der Entwicklungsländer wurde die dramatische Entwicklung durch Dürren, Überflutungen, steigende Meeresspiegel, fehlendes Wasser, Hurrikane und Taifune eindrücklich geschildert. Dabei wurde deutlich, welch grosse Hoffnungen in die Klimakonferenz von Kopenhagen gesetzt werden. Im neuen Klimaschutzabkommen sollen Anpassungsmassnahmen in den Entwicklungsländern (auch in der Landwirtschaft) und die entsprechenden Finanzen dazu verankert werden.
Am Schluss bleibt für mich das ernüchternde Fazit, dass der Leitspruch der FAO „Fiat panis – es werde Brot“ angesichts des mageren Resultates der Konferenz wie eine Verhöhnung der Milliarde von hungernden Menschen wirkt. Es war ein Gipfel der Ignoranz.
Rosmarie Bär, Alliance Sud


