Haiti: Sind die Erbebenopfer selber schuld?
Lesen Sie den Beitrag von Alliance Sud-Geschäftsleiter Peter Niggli zur internationalen Hilfe für die Erdbebenopfer in Haiti.
Bis am 8. Februar 2010 sind 45 Millionen Franken bei der Glückskette für Haiti gespendet worden. Das ist nach dem Tsunami das zweitbeste Sammelresultat für Opfer von Katastrophen im Ausland.
Die schweizerischen Hilfswerke werden den grössten Teil dieses Geldes in den nächsten Monaten in den Wiederaufbau stecken. Sie sind dafür gut aufgestellt. Seit Jahren in Haiti tätig, haben sie lokale Partner und Ortskenntnisse und damit alle Voraussetzungen, nicht an der Eigeninitiative der Haitianer vorbei zu werkeln. Dasselbe trifft auf die Hilfe des Bundes zu. Allerdings hängt die Wirkung des schweizerischen Beitrags auch von den Aktivitäten anderer Staaten und Haitis selber ab.
Falsche Prioritätensetzung
Die ausländische Hilfe brauchte vierzehn Tage, bis sie einen grösseren Teil der Opfer erreichte. Nach zwanzig Tagen versorgte das Welternährungsprogramm erst 640‘000 von zwei Millionen Menschen, die dringend Nahrungsmittel brauchten. Das lange Warten auf Hilfe erklärt sich durch das grosse Ausmass der Katastrophe, den Zusammenbruch der schwachen staatlichen Organe und falsche Prioritäten der ausländischen Helfer, vor allem der USA.
Eine Million Obdachlose, bis zu 300‘000 Tote und Zehntausende Verletzte, drei Viertel der Häuser und Hütten zerstört – das ist die vorläufige Bilanz des schlimmsten Erdbebens in Haiti der letzten 150 Jahre. Ein schwer beschädigter Hafen und Flughafen, verschüttete Strassen, zerstörte Telefonnetze und Radiosender erschwerten den ausländischen Helfern den Zugang zu den Opfern. Kommt hinzu, dass Haitis Regierung durch das Erdbeben dezimiert wurde und tagelang von der Bildfläche verschwand. Viele Amtsgebäude sind zerstört. Die Hälfte der Polizei ist tot oder verletzt, die Führung der lokal stationierten Uno-Mission im Erdbeben umgekommen. Kurz: die Institutionen, die Ansprech- und Koordinationspartner für die ausländische Hilfe gewesen wären, fielen nach dem Erdbeben vorerst aus.
Zur Verzögerung der Soforthilfe trug aber auch die falsche Prioritätensetzung der USA bei. Sie befürchteten, die Bevölkerung Haitis würde auf die Katastrophe mit Unruhen, Aufständen und Massenflucht reagieren. Deshalb wollten sie zuerst mit einer starken Truppenpräsenz „Sicherheit“ schaffen. Bevor auch nur ein Kilo Nahrung, ein Liter Wasser die Opfer erreichte, kreiste während Tagen über dem zerstörten Stadtgebiet ein Militärflugzeug mit der Radiobotschaft des US-Gesandten, von Flucht abzusehen: Alle, die versuchten, über das Meer in die USA zu flüchten, würden zurückgeschickt.
Fatale Fehleinschätzung
“Sicherheitsprobleme“ behandelten auch die Medien weltweit prominent. Sie sprachen von „Plünderern“ und bewaffneten Banden, obwohl die Reporter vor Ort selber wenig davon sahen. Am Ende der zweiten Woche gab das britische Wochenmagazin „The Economist“ Entwarnung: Die Überlebenden seien für Aufstände „zu schwach und zu benommen“. Amerikanische Kritiker prangerten die US-Haltung als paranoid an und wiesen daraufhin, dass es nach Naturkatastrophen, die keinem menschlichen Gegner zugeschrieben werden können, noch nie zu Unruhen und Aufständen gekommen ist.
Die fatale Fehleinschätzung ist auch darauf zurückzuführen, dass die Opfer in Haiti Afroamerikaner sind. Die amerikanische Rechte interpretiert die Katastrophe als menschliches Versagen dieser Nachfahren ehemaliger Sklaven. Sie suggeriert, das afrikanische „Kulturerbe“ habe zu Realitätsferne, Schicksalsergebenheit und Passivität geführt und sei für die erdrückende Armut, den Mangel an erdbebensicheren Bauten und an funktionsfähigen staatlichen Behörden verantwortlich. In der winzigen herrschenden Schicht Haitis sind gleiche Vorurteile vorhanden. Der „Nouvelliste“ von Port-au-Prince berichtete am letzten Samstag, Haitis Botschafter in Brasilien habe vor Journalisten, ohne zu wissen, dass die Mikrophone schon liefen, das afrikanische Erbe als „Fluch“ bezeichnet, der Haiti in den Abgrund reisse.
Viel Eigeninitiaitve und Solidarität
Tatsächlich hat die Bevölkerung Haitis in den langen Tagen, in denen die ausländische Hilfe die Opfer nur tröpfchenweise erreichte und die Verzweiflung wuchs, vollkommen „kulturwidrig“ viel Eigeninitiative und Solidarität gezeigt. Die Menschen haben mit blossen Händen Verschüttete aus den Trümmern geborgen, behelfsmässige Lager aufgebaut, das Wenige, was an Nahrung und Wasser vorhanden war, geteilt. Ja, sie haben dabei auch aus halbzerstörten Läden Lebensmittel requiriert und Zahnpasta, die sie sich unter die Nase strichen, um den Verwesungsgestank zu überdecken. Sie brachten das Handynetz wieder zum Funktionieren und die Geldüberweisungen aus dem Ausland. Auf dem Land sammelten Gemeinden Kleinstspenden, um ihren Leuten aus der zerstörten Hauptstadt den Transport ins Dorf zu finanzieren. Tausende von Frauen und Männern aus Haiti, die in der benachbarten Dominikanischen Republik als „Fremdarbeiter“ leben, machten ihre Habe flüssig und überquerten die Grenze, um ihre Familien zu suchen und ihnen zu helfen. Ohne diese Selbsthilfe wäre der ausländische Beistand für viele Menschen zu spät gekommen. Auf sie sollte die ausländische Hilfe in den kommenden Monaten bauen, wenn sie etwas erreichen will.
Peter Niggli, Geschäftsleiter Alliance Sud
Dieser Beitrag ist im St. Galler Tagblatt vom 6.2. 2010 erschienen.

