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Weltsozialforum: Die Blogs aus Dakar

Veröffentlicht am: 11. 02. 2011

Vom 3. bis zum 11. Februar fand in Dakar das Weltsozialforum statt. Alliance Sud war Mitorganisatorin der Schweizer Delegation, die täglich vom Forum berichtete. Hier finden Sie die gesammelten Beiträge.

11. Februar:
Beat Dietschy, Zentralsekretär Brot für alle

Beat Dietschy

Das Weltsozialforum neigt sich dem Ende zu.  In thematischen Versammlungen wird heute zusammengetragen, was in den vergangenen drei Tagen in rund 1000 Podien, Workshops und Netzwerktreffen angedacht und ausgetauscht worden ist. Nun geht es darum, Aktionspisten zu diskutieren und Zusammenarbeit zu vereinbaren.

Beispielsweise im Blick auf „Rio plus 20“.  Die Uno-Konferenz, 20 Jahre nach dem Erdgipfel von 1992, im Mai 2012, darüber besteht ein breiter Konsens, muss einem neuen Entwicklungsmodell zum Durchbruch verhelfen, das den Namen „nachhaltig“ tatsächlich verdient. Das Fiasko der Klimakonferenzen von Kopenhagen und Cancún darf sich nicht wiederholen, mahnt der kanadische Umweltaktivist Pat Mooney. Und der bolivianische Uno-Botschafter Pablo Solón, der in Cancún als einziger Landesvertreter dem kläglichen Verhandlungsergebnis in der Schlussabstimmung die Zustimmung verweigert hatte, doppelt nach: die Reproduktionsfähigkeit der Erde sei mit Marktmechanismen nicht zu garantieren. Er fordert eine Weiterentwicklung des UN-Rechtssystems mit Rechten der Natur.

Der Vorschlag für Rechte der Natur stösst auf Sympathien. Aber man hebt, erstaunlicherweise, nicht ab. Diskutiert wird vor allem, wie in den 14 Monaten bis zur Konferenz in Rio eine breite Mobilisierung der Zivilbevölkerung erreicht werden kann. Denn „Rio II“ darf nicht scheitern oder in wortreichen Nullsummenspielen enden. Eine neue Zivilisation wird gesucht, aber nicht beschworen. Worum es geht, ist, die Weichen in die richtige Richtung zu stellen.

Der Austausch in der „Rio plus 20“-Versammlung ist, während ich das schreibe, noch im Gange. Auch in den rund drei Dutzend andern Foren wird noch nach Konvergenzen gesucht, so etwa im Bereich der Schuldentilgung, der Freihandelsverträge, Frauen und Entwicklung, Wasser als öffentliches Gut. Unmöglich, sich schon den Überblick über das ganze Forum zu verschaffen. So frage ich in unserer Reisegruppe nach dem, was bleibt. „C’est génial, ce Forum“, lobt Catherine Morand von Swissaid das reiche Angebot an Austauschmöglichkeiten.  Für jede gebe es etwas zu entdecken. Walo Bauer, Stiftungsrat von Fastenopfer, ist beeindruckt von der Kunst der Improvisation, die er in Senegal und am Forum selber angetroffen hat: „mit zum Teil prekärsten Mitteln wird Erstaunliches erreicht“. Chaos ist nicht immer negativ, pflichtet auch Anne-Catherine Menetrey (Grüne) bei: man treffe auf Themen und Menschen, denen man sonst nie begegnet wäre.

Rosmarie Dormann (Bethlehem Mission) sind insbesondere die starken und selbstbewussten afrikanischen Frauen aufgefallen. Einen ähnlichen Akzent setzt Therese Steiger-Graf, ebenfalls von der Bethlehem Mission Immensee: „Das Selbstbewusstsein ist bemerkenswert“. Niemand warte, dass ihm oder ihr geholfen werde. Die dörflichen Spargruppen entscheiden selber, wie sie ihr Geld einsetzen wollen. Und selbst im Grossen, wo es um die Wahl der Staatsform oder von Handelspartnern geht, gelte das. Das widerlegt das gängige Afrikabild. Isolda Agazzi von Alliance Sud betont, wie wenig einfache Parolen oder ideologische Konzepte feilgeboten würden. Das Gewicht liege bei der Suche nach Lösungen, der vertieften Analyse und neuen Handlungsansätzen. Und Thomas Gröbly von der FHS Nordwestschweiz hat die „engagierte Gelassenheit“, die er bei vielen antraf, überrascht.

Mir selber geht es genauso. Seit 2003, als ich am dritten Weltsozialforum in Porto Alegre dabei war, hat das Treffen sich weiter entwickelt. Zwar haben sich die Krisen verschärft und multipliziert: Krieg in Irak, in Afghanistan, zerfallende Staaten, Wirtschafts- und Finanzkrise, Klimawandel ohne Antwort der Regierungen. Sehr konkret haben Betroffene über die Folgen berichtet: Frauen, die mit unbezahlbaren Lebensmittelpreisen konfrontiert sind, Bauern, denen ihre Lebensgrundlage, das Land und das Wasser weggenommen wird (Land- und Wassergrabbing), Migrantnnen ohne Perspektiven, unterbezahlte Lehrerinnen und Lehrer. Aber es dominieren trotz Protest und scharfer Kritik nicht die Rufe nach Instantlösungen. 

Mir scheint, dass die Bereitschaft noch zugenommen hat, langfristige Auswege aus der Mehrfachkrise zu suchen. Auch das Mass an Selbstkritik ist beachtlich: nicht einfach die andern sind schuld, etwa die (zweifellos vorhandenen) Multinationalen, welche landwirtschaftliche Böden sich sichern. Auch die einheimischen Landlords und das Versagen der Regierung, ja die eigenen Fehler werden benannt.
Das Forum ist noch stärker eine Plattform für Lernen im Austausch, in Begegnung geworden, eine Experimentier-Werkstatt, in der Allianzen geschmiedet werden. So haben sich beispielsweise Gruppierungen, die gegen die desaströsen Folgen von Bergbau im Kongo, in Peru und Mexiko angehen, zusammengefunden. Ihr ambitiöses Ziel: die Raubbauwirtschaft überwinden. Der Wille, eine andere, bessere Welt zu finden, ist ungebrochen. Die Einsicht, so scheint mir, ist noch gewachsen, dass sie nicht aus einem grossen Wurf geboren wird, sondern aus den vielen Puzzleteilen des Umdenkens, Umlernens, Andersmachens langsam Gestalt gewinnt. Das Forum ist in diesem Sinne für mich eine Schule des Ungehorsams gegenüber jeder „pensée unique“, eine Schule der Entwöhnung, die zum Selberdenken führt. Angestossen vom „Süden“, der, wie Samir Amin sagt, „eigenständig denkt und handelt“.

 

10. Februar:
Peter Niggli, Geschäftsleiter Alliance Sud

Niggli DakarAfrika in Bewegung

Wer immer noch glaubt, dass die AfrikanerInnen den Anschluss an die „Dynamik der Globalisierung“ verpassen, weil sie kulturell behindert seien, sollte wieder mal eine Reise in den schwarzen Kontinent unternehmen. Meine Partnerin und ich sind nun seit fünf Wochen unterwegs, zur Einstimmung durch Burkina Faso und zum Abschluss am Weltsozialforum im Senegal. Wir trafen auf Gesellschaften in starker Bewegung und Politisierung. Keine Spur von der Orientierungslosigkeit und stillen Wut, mit der viele EuropäerInnen und AmerikanerInnen auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise reagieren.

Das war spürbar schon in den Dörfern – im langsam austrocknenden Sahel und in klimatisch bevorzugteren Gegenden. Vielerorts sind Dorfgemeinschaften daran, die Fruchtbarkeit ihrer landwirtschaftlichen Böden durch einfache bezahlbare Methoden zu verbessern. ViehzüchterInnen rehabilitieren ihr Weideland durch Wasserrückhaltebauten und handeln parallel dazu Reglemente aus, wie gemeinsam genutzt und für Futterzwecke bewirtschaftet werden darf, um Konflikte und Übernutzungen zu vermeiden.

Sie werden dabei durch Myriaden von lokalen Vereinigungen unterstützt, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren entstanden sind. Die Vereinigung Nodde Nooto in Dori (Burkina), um ein Beispiel zu nennen, führt ihre Entstehung auf zwei Gründe zurück: (1) Auf die grossen Dürren im Sahel in den siebziger und frühen achtziger Jahren und (2) auf die strukturelle Anpassung, welche die Weltbank Burkina zu Beginn der neunziger Jahre verordnet hatte. Mit der Dürre seien ausländische NGOs in ihrer Gegend ausgeschwärmt. Ein Teil der Mitglieder haben mit diesen gearbeitet, von ihnen gelernt, aber auch den Eindruck gehabt, sie könnten es selbstbestimmt besser machen. Mit der strukturellen Anpassung habe der Staat Tausende von Staatsangestellten entlassen – darunter den ganzen Apparat der landwirtschaftlichen Beratungs- und Vermarktungstellen. Einige dieser Agrarfachleute sind Mitglieder von Nodde Nooto geworden. Nach sieben Jahren suchten sie den Kontakt zu Abdoulaye Tarnagada, einem in Burkina bekannten Agrarspezialisten und Vertreter des Fastenopfers, um zusätzliche Fachunterstützung zu erhalten.

Gleichzeitig sind die Dorfgemeinschaften, mit denen Nodde Nooto arbeitet, daran, mit den Lokalbehörden Investitionsbeiträge auszuhandeln, um die Wasserversorgung zu verbessern und die Bodenverbesserungsarbeiten zu unterstützen. Wir nahmen an einer Dorfversammlung im Freien teil, an der Männer und Frauen für 2011 zeitlich und personell die Fortführung ihrer Bodenverbesserungsarbeiten planten. Die Versammlung verlief äusserst lebendig – alle sprachen mit, zwischendurch wurde es heftig und mehrstimmig. Wir befürchteten, den ganzen Tag zu verplempern, ohne Resultate zu sehen. Nach vier Stunden war der Jahresplan jedoch vereinbart.

Im Senegal hatten wir Gelegenheit, die Führung des regierungsunabhängigen Bauernverbandes zu sprechen, der in seinen Anfängen vom lokalen Deza-Büro unterstützt worden ist. Ähnliche Verbände gibt es heute in Mali, Burkina und anderen westafrikanischen Staaten. Ihr Credo – wir sind nicht arm und elend, wir brauchen keine Nahrungsmittelhilfe, um zu überleben. Wir können uns selber und die ganze Bevölkerung versorgen, wenn wir von unseren Staaten nur schon einen Bruchteil der Unterstützung erhielten, den die europäische oder amerikanische Landwirtschaft geniesst. Zusammen lobbyierten sie in den letzten Jahren die Behörden der westafrikanischen Zoll- und Währungsgemeinschaft. Sie kämpfen für die Wiedereinführung eines gewissen Zollschutzes gegen die oft subventionierten Nahrungsmittelimporte (mit einem ersten kleinen Erfolg). Und sie überzeugten ihre Regierungen, den Abschluss der sogenannten Partnerschaftsverträge, welche die EU mit den ehemaligen europäischen Kolonien abschliessen wollte, abzulehnen. Diese hätten sogenannte Entwicklungshilfe mit einem weitgehenden Freihandelsabkommen verknüpft.

Offen bleibt die künftige Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik. Die Bauernverbände wollen, dass die real existierenden BäuerInnen, die Familienbetriebe, ins Zentrum gestellt werden. Die Regierungen wünschen, die Landwirtschaft künftig als Agrobusiness aufzustellen und fördern deshalb die Übernahme grosser Ländereien durch einheimische Geschäftsleute und ausländische Unternehmen oder Staaten. Was die formlose Enteignung und Vertreibung der BäuerInnen zur Folge hat. Das war eines der heissesten, wenn nicht das heisseste Thema am Sozialforum. Landkämpfe sind im Senegal und in Mali überall im Gang, und an einigen Orten ist die Regierung angesichts des Widerstands zurückgekrebst.

Uns beeindruckte bei diesen Begegnungen mit BäuerInnen und BauernpolitikerInnen die rhetorische Kraft und analytische Schärfe. Worte werden nicht mühsam zusammengesucht und hervorgestammelt, hier hat man Freude am raschen eindringlichen Formulieren, an der gelungenen Metapher und am Witz, der die ZuhörerInnen zum Lachen bringt. Das gilt ebenso für die Intellektuellen, die sich vor akademisch verschraubten Formulierungen hüten.

Es passte zur Erfahrung einer bewegten, politisierten Gesellschaft, dass unsere GesprächspartnerInnen sich über den Sturz Ben Alis in Tunesien freuten und in den letzten zwei Wochen die ägyptische Revolution verfolgten, wie wenn es sie selber beträfe. Die Volksbewegungen in Nordafrika werden in Westafrika gerne auch als Drohung verwendet – seht her, ihr Herrschenden, was geschieht, wenn ihr nicht auf die Proteste des Volkes hört! Tatsächlich rechnen unsere GesprächspartnerInnen jedoch nicht mit Revolutionen in ihren Ländern. Der politische Raum im Senegal ist zu offen organisiert, die Spielräume der sozialen Bewegungen und politischen Kräfte, ihre Anliegen voranzutragen, zu gross, um die explosive Stimmung zu erzeugen, welche der tunesische und ägyptische Polizei- und Folterstaat (und der saudische, libysche oder syrische) in den letzten dreissig Jahren aufgestaut haben.

Das Regime in Burkina Faso gewährt weniger Spielräume, hat jedoch gedankenpolizeiliche Praktiken eingestellt und toleriert eine freie zivilgesellschaftliche Organisation und Meinungsäusserung, solange sich die Presse nicht mit den Praktiken beschäftigt, mit denen Präsident Blaise Compaore und sein weiterer Familienkreis seit 24 Jahren das Vermögen mehrt. Bei den nächsten Wahlen 2015, zeigten sich unsere GesprächspartnerInnen überzeugt, werde er kein weiteres Mandat mehr verteidigen können. Ça suffit! sagten sie uns – gleich wie die beiden jungen Ägypterinnen, die an einem Workshop gestern abend über die Motive, Ziele und Organisierung der Hunderttausenden von DemonstrantInnen in Kairo berichteten.

 

9. Februar: 
Maya Graf, Nationalrätin GP

Mitbewirtschafterin  Bio-Bauernhof

Maya Graf

Touches pas à ma terre !

Das Weltsozialforum ist nicht nur der Ort von täglich mehr als 500 Veranstaltungen, Diskussionsrunden und Vernetzungstreffen. Das Weltsozialforum ist auch ein Ort der Begegnung, des kulturellen Austausches und der Demonstrationen vieler Anliegen sonst von der Welt vergessener Volksgruppen. Das Markttreiben auf dem Universitätsgelände wird jeden Tag grösser, die Vielfalt der angebotenen, meist westafrikanischen Spezialitäten wie Speisen, Süssigkeiten, Stoffen, Kleider, Schmuckstücke, handwerklicher Kunst und Raritäten immer grösser.

Ich habe noch nie in meinem Leben auf so kleinem Raum fast die ganze Welt getroffen! Oft denke ich (und hoffe es), dass genau dieser friedliche, dynamische und inspirierende Austausch der Anfang für eine andere gerechtere Welt sein könnte. In diesen Momenten würde ich mir wünschen, dass genau diese Stimmung und Hoffnung auch meine Kinder und viele andere Jugendliche aus der Schweiz erleben könnten.

Dieser „Weltbazar“ macht das Sozialforum gerade zu dem was es sein soll. Es ist eben kein abgehobenes Meeting von Staatschefs in formell abgehaltenen Sitzungen mit anschliessenden Pressekonferenzen, wo die Resultate verkündet werden. Es ist zuerst einmal ein Austausch der Betroffenen über ihre Probleme, dann ein gemeinsames Suchen nach Lösungen. Hier wird nichts von oben nach unten diktiert.

Dass solche Veranstaltungen aber genau so wohlgeordnet und gut organisiert ablaufen können, haben gestern die Organisatoren einer Konferenz zum Thema des bäuerlichen Landverlustes in Westafrika durch Grossgrundbesitz und Spekulation aufgezeigt. Die Grünen des EU-Parlamentes luden zusammen mit der afrikanischen Konsumentenorganisation in den grossen Saal einer Kirche. Sie war bis in die hinterste Reihe gefüllt mit aufmerksamen Bauern und Bäuerinnen aus ganz Westafrika. Es war eindrücklich, wie die sieben Vertreter von lokalen Bauernorganisationen ihre Situation vor Ort schilderten, immer wieder von Beifall unterbrochen.

Sie erzählten uns, wie ihr Landwirtschaftsland durch Verschuldung und oft auch durch Druck von lokalen geistlichen Führern (Marabouts) zuerst an diese verkauft werden. Sie verpachten oder verkaufen das Land weiter an ausländische Unternehmen. Es entstehen Grossplantagen, deren Gemüse oder Obst für den Export bestimmt und viel billiger ist und die Preise der kleinbäuerlichen Produkte drücken. Nicht selten werden so Bauern zu Landarbeitern und arbeiten auf ihrem ehemaligen Land für 2 Euro am Tag. Es stellt sich hier die entscheidende Frage: Export oder die Ernährung der eigenen Bevölkerung? Und wie ist es möglich, dass dieses Landwirtschaftsland auf diese Art geraubt wird?

Das grösste Problem ist, dass nirgends schriftlich festgehalten ist, wem das Land gehört. Die Familien in den Dörfern haben sich während vielen Jahrhunderten das Land aufgeteilt und an die nächste Generation weiter gegeben. Es gibt kein Grundbuch wie bei uns, keine Raumplanung. Will ein Bauer sein Land vermessen lassen, dann kann er diese Kosten nicht bezahlen. Der Grossgrundbesitzer hingegen hat keine finanziellen Probleme und kann oft sogar noch auf staatliche Hilfe zählen. Die Bauern sind verzweifelt, weil diese Landwegnahme in den letzten Jahren zunimmt.

In der engagierten Diskussion unter den KonferenzteilnehmerInnen über mögliche Lösungen wurde klar, dass es mehr Fakten braucht, aber auch mehr Aufklärung in den Dörfern. Es braucht gemeinsamen bäuerlichen Widerstand. Es braucht die politische Forderung an den Staat nach einer Raumplanung und Ordnung der Besitzverhältnisse, die der ländlichen Bevölkerung ihre angestammten Rechte der Existenz garantiert. Und dies, so wurde zurecht festgehalten, ganz im Interesse aller. Denn die Bauernfamilien sind diejenigen, die bis heute in Afrika und überall auf der Welt die Menschheit zum überwiegenden Teil ernähren. Auf den T-Shirts sengalesischer Bauernorganisationen steht daher zu recht: „Touches pas à ma terre – La terre c’est ma vie!“

Lesen Sie morgen den Blog von Peter Niggli, Geschäftsleiter von Alliance Sud

 

8. Februar:
Barbara Zahrli, Movendo

Barbara ZahrliGestern begann das Sozialforum. Während fünf Tagen werden 60 000 Menschen aus über 100 Ländern in 700 selbst organisierten Seminaren gemeinsam und konkret daran arbeiten, eine bessere Welt zu schaffen.
Um 8h30 auf dem Campus der Universität: Wir treffen auf viele herumirrende Gruppen, haben erste Kontakte mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern und stellen bald fest: Die Organisation des Forums beginnt erst jetzt! Kein Programm, keine Räume, keine Information - kein Sozialforum?

Ein Bisschen stehen wir noch rum. Die Kollegen der Unia rollen schliesslich ihre roten Fahnen aus und beginnen, das geplante Seminar über die Rechte der MigrantInnen, statt im erhofften Saal, auf der Treppe der Universitätsbibliothek abzuhalten. Bald gesellen sich immer mehr Leute dazu, am Schluss sind es 35.

Ich lande in irgendeinem Raum und bin mitten in einer Diskussion über die Fortschritte der Bildung in Afrika seit dessen Unabhängigkeit vor 50 Jahren. Und es ist spannend! Zwei Stunden später hat sich nicht nur mein Bewusstsein, sondern sich auch draussen viel verändert: unter Zelten und Bäumen sitzen Gruppen von Menschen, in Diskussionen vertieft. Ein schönes Bild: hier wird gelernt!

Eine SMS bestellt mich zur Place du Souvenir: Hier werden gleich der brasilianische Ex-Präsident Lula da Silva und sein noch immer amtierendes senegalesisches Pendant Abdoulaye Wade gemeinsam auftreten. Ich finde einen Platz in dem mit etwa 400 Leuten gefüllten Raum, darunter natürlich viele BrasilianerInnen. Die Stimmung ist wie an einem Fussballmatch: Man singt und beklatscht jeden guten Satz von Lula. Und das sind ja eigentlich fast alle, finden wir!

Wade, der als wirtschaftsliberale Positionen verteidigender Präsident zu diesem Anlass gekommen ist, gebührt Respekt: er hat auch ein Bisschen Applaus bekommen.

Um 16h bin ich zurück im Herzen des Forums auf dem Uni-Campus. Nun herrscht hier ein reges Treiben, wie auf einem afrikanischen Markt: ein ungeheurer farbenfrohes Gewusel. Und, juhuu, das Programm ist jetzt gedruckt! Wenn auch nur das von heute. Wenn man etwas Bestimmtes sucht, ist man gänzlich verloren, denn auch die freiwilligen HelferInnen wissen fast nichts- oder dann alle etwas anderes.

So frage ich einen Senegalesen, der ebenfalls herumhängt, was er hier tue. Moussa ist 35, kommt aus der Banlieu von Dakar und hat eine Vision: Eine Welt der Freundschaft, der Hoffnung und der Solidarität, in der alle gut leben können. Er arbeitet als Lehrer und gibt seinen ganzen Lohn in die Stiftung, die er selber gegründet hat: zugunsten der Benachteiligten. Dass das Weltsozialforum in Dakar ist, begrüsst er sehr: den Geist, die Initiative, etwas zu tun!

Er erzählt mir von den Banlieus Dakars: Die Gebiete sind seit der Regenzeit überschwemmt, in den Baracken steht das Wasser, die Leute müssen ihre spärlichen Möbel auf Ziegelsteine stellen. Im Wasser siedeln Pflanzen und Tiere, die Leute, die da leben, schlagen sich von Tag zu Tag durch. Hundert aus seinen Quartier, Männer, Frauen und Kinder, sind gestern mit einem Bus in die Stadt gekommen, um an der Eröffnungsdemo des Sozialforums teilzunehmen. Um den Bus bezahlen zu können, haben sie einen Tag aufs Essen verzichtet. Einer von ihnen, erzählt Moussa, ist während des Marsches zusammen gebrochen und musste ins Spital gebracht werden.

Der Marsch war für Moussa und seine Leute eine Erleuchtung:" Zu spüren, dass wir nicht allein sind, das ist einfach das Grösste, es macht uns so stolz! Und es gibt uns Mut und Kraft für unsere Arbeit und unseren Kampf gegen die Armut. Es tut gut zu sehen, dass es so viele gibt, die solidarisch sind. Denn: Einem Benachteiligten ein Lächeln zu schenken heisst, ihm Hoffnung und Kraft zu geben".

Moussa glaubt daran, dass die Menschlichkeit siegen wird. Und so findet das Sozialforum auch an diesem ersten Tag doch statt, nur etwas anders halt.

Lesen Sie morgen den Blog von Maya Graf, Nationalrätin der Grünen Partei

 

7. Februar
Margareta Kiener Nellen, Nationalrätin SP

Kiener Nellen

Tausende Menschen wurden zum heutigen Eröffnungsmarsch des Weltsozialforums 2011 hier in Dakar/Senegal erwartet. Seit Tagen waren Karawanen aus verschiedenen Ländern Afrikas per Velo, Bus oder zu Fuss nach Dakar unterwegs. Flugbillette innerhalb Afrikas sind (zu) teuer. Eine Kollegin aus Nairobi/Kenya zahlte mehr als das Doppelte für ihren Flug nach Dakar als ich aus Zürich. Das reduziert die Zahl der Teilnehmenden aus Afrika.

Trotzdem waren wir zahlreich: Bei kühlendem Wind vom Atlantik starteten am Sonntag um 14 Uhr rund 75‘000 Menschen aus allen Kontinenten vom zentralen Sfax-Platz in Dakar einen friedlichen Marsch zur Cheikh Anta Diop Universität. Dort werden rund 1200 Organisationen (500 aus Afrika und 700 aus den anderen Kontinenten) sowie mindestens 50‘000 angemeldete TeilnehmerInnen aus 123 Ländern nächste Woche die anspruchsvollen Themen für eine andere, gerechte und solidarische Welt bearbeiten.

An der Spitze des Zuges: Afrikanische ExponentInnen von sozialen Bewegungen und Dachorganisationen von FischerInnen, BäuerInnen, LandarbeiterInnen sowie Gewerkschaften. Mit 123 Nationalitäten könnte der Umzug farbenfroher nicht sein. Unsere Schweizer Delegation reiht sich ein zwischen einer italienischen Gewerkschaftsdelegation und einer grossen Delegation aus Marokko. Unverkennbar die Unia-Fahnen. Afrikanische Trommeln geben von Beginn weg einen rassigen Takt an. Dazu lassen sich die rund 5 Kilometer gut zurücklegen! Übrigens: Sicherheitskräfte braucht es hier deutlich weniger als am WEF in Davos und Dakar wurde auch nicht zur Festung umgebaut … .

Mit heissem Applaus wird eine Delegation aus Tunesien begrüsst. Kaum je war der Aufschrei nach Demokratie in Afrika weltweit sichtbarer als heute. Genau im Zeitpunkt, da in Nordafrika – in Tunesien und Ägypten - autoritäre Regimes gestürzt werden und die Elfenbeinküste in akutem Konflikt steht, schauen AfrikanerInnen mit Interesse auf die politischen Alternativen In Lateinamerika: Bolivien, Brasilien und Ecuador sind zu vielversprechenden alternativen Staatsmodellen geworden. Evo Morales, Staatspräsident von Bolivien, ist persönlich anwesend. In einem überzeugenden Auftritt motiviert er die Anwesenden mit einer langen Rede, in allen Ländern soziale Bewegungen, Gewerkschaften und politische Parteien so aufzubauen und zu organisieren, dass sie bei Wahlen eine Mehrheit gewinnen. Er teilt uns auch seinen Traum mit: möglichst viele zukünftige StaatspräsidentInnen sollen aus den Forums-TeilnehmerInnen hervorgehen … .

Ich spüre hier viel Kraft und eine grosse Solidarität. Das gemeinsame Ziel ist klar: weg von einem System, das Reichtum für wenige und immer mehr Armut für viele bringt. Wir sind nicht verdammt dazu, alle paar Jahre eine immer einschneidendere Krise wegen des herrschenden Casinokapitalismus zu erleiden. Und: Wir müssen handeln, bevor die nächste Krise kommt.

Ein Sürichwort aus Senegal lautet: „Die Schweiz hat die Uhren erfunden, aber Senegal die Zeit.“

Nutzen wir die Zeit am WSF 2011 hier in Dakar, um konkrete Massnahmen für eine andere Welt zu planen. Bereits vor dem Forum verabschiedet wurde eine Charta für MigrantInnen. Eine andere Welt ist möglich. Ich freue mich auf ergebnisreiche Tage hier in Dakar. Die Aufbruchstimmung für eine andere Welt ist da!


6. Februar: Claude Bauer, Ethnologiestudent

Claude Bauer

“Il manque de la guerre.” So lautete die fatale Schlussfolgerung meiner ersten prägenden Diskussion hier in Dakar.

Neben meinem Ethnologiestudium arbeite ich bei der Asylorganisation Zürich. Angestellt bin ich in der gänzlich unzureichend benannten Funktion „Nachtwache“, in einem Asyldurchgangszentrum. Diese Arbeit ermöglicht mir Zugang zu den schönsten und hässlichsten Geschichten die das Leben von Migranten schreibt. In dieser Beschäftigungssynthese gründet mein besonderes Interesse am Thema Migration.

Da es auch den Senegalesen nicht entgangen ist, dass sich die Schweiz besonders im Bankenwesen profiliert, behandelt ein spontanes Strassengespräch einleitend meist die Finanzwelt. Um dem konsequent folgenden Verkaufsangebot von diversen Waren und Dienstleistungen auszuweichen, erzähle ich von meiner Arbeit. Der Themenwechsel gelingt immer. Eigentlich jeder bisherige Gesprächspartner, zumindest in Dakar, hatte einen Freund oder Verwandten, der nach Europa migrierte. Die jeweils folgenden, an mich gerichteten Fragen, zeugen von der Omnipräsenz der Thematik Migration und den hier damit verbundenen Hoffnungen.

Die unerschlossenen und oft gar fehlenden Perspektiven der Senegalesen, respektive potentiellen Migranten in meinem Alter, berühren mich speziell. Meine Teilnahme am Weltsozialforum, unter anderem, sehe ich nicht als Gewissensberuhigung, Reparation oder Akt eines „Gutmenschen“. Für mich ist sie Pflicht. Hier rette ich nicht die Welt. Es ist schlicht die Suche und Reflektion meines bisherigen und zukünftigen Engagements für Chancengleichheit. Was für mich in unzähligen Pfadilagern spielerische Freizeitsaktivität war, ist hier für viele schlichter Überlebenskampf. Dieser banale Vergleich genügt mir, mich verpflichtet zu fühlen.

Mein erster Gesprächspartner schien gut informiert zu sein. In der Schweiz geltende Asylgründe liefert die Situation in Senegal kaum. So war denn seine markante Schlussfolgerung zwar von Dankbarkeit, letztendlich aber vor allem von Frustration begleitet. Die meisten anderen Gesprächspartner, waren schlecht informiert. Auf meine offensichtlich unerwarteten Ausführungen bezüglich Situation von Asylsuchenden in der Schweiz, folgten Fragen nach dem Warum. Alle mir bekannten Antworten versagen. Sie basieren auf dem Wertesystem, dass die Chancenungleichheit mitverschuldet. Eine solche Antwort wäre arrogant. Ich lasse die Frage lieber im Raum stehen.

Unausgesprochen, meine ich viele der Schuldigen zu kennen. Vor dem geistigen Auge greife ich vorschnell zur Waffe. Die friedensbedingende Geduld und das unermüdliche Engagement der einzelnen Akteure, welche ich bisher hier vor Ort kennen lernen durfte, imponieren mir dann auch am allermeisten.

Dieses Engagement ist die unausgesprochene Antwort, nach der ich suche. Bis sie sich erübrigt, werde ich noch einige Gespräche führen. Neuerdings mit noch mehr Zuversicht. Meine Reise hat sich bereits gelohnt.

 

5. Februar:
Mauro Moretto, Sekretär der Gewerkschaft Unia

Mauro MorettoDie Spannung steigt: Morgen beginnt das Weltsozialforum in Dakar. Ich bin gespannt auf die Ideen, Vorschläge, Projekte und Erfahrungen unserer Mitstreiterinnen und Mitstreiter für eine bessere Welt. Einen eindrücklichen Vorgeschmack hatte ich in den letzten Tagen, als ich mit der Schweizer Delegation die Menschen das Quartiers Keury Kao am Stadtrand von Thiès – der zweitgrössten Stadt Senegals – besuchen durfte.

Die Menschen in diesem Quartier leben vor allem vom Gartenbau und vom Kleinhandel. In der Vergangenheit waren viele von ihnen ständig verschuldet, oft hatten sie ab Mitte des Monats kein Geld und keine Nahrungsmittel mehr und mussten sich bei den Wucherern weiter verschulden, um das Nötigste zum Überleben zu kaufen.

Was hat sich in den letzten Jahren geändert? Unterstützt und begleitet durch ein Projekt von Fastenopfer haben sie ihre Lebenssituation und -gewohnheiten analysiert und Strategien entwickelt, um der Schuldenspirale und den Wucherern zu entrinnen und sich das ganze Jahr mit Nahrungsmitteln zu versorgen. In den letzten zwei Jahren sind im Quartier mehrere Selbsthilfe-Organisationen entstanden. Jede hat eine Koordinatorin und eine Struktur, in der Frauen und Männer Funktionen mit klaren Zuständigkeiten übernehmen. Ein wichtiges Element bildet die Solidaritäts-Kasse.

Die Mitglieder, die uns im Hof des Hauses der Präsidentin empfangen, führen uns vor, wie das genau funktioniert. In der Mitte des Menschenkreises liegt eine Kalebasse zugedeckt mit einem weissen Tuch. Jedes Mitglied legt nach den eigenen finanziellen Möglichkeiten und in voller Diskretion Geld hinein und speist so die gemeinsame Kasse. Dieses Geld dient in erster Linie dazu, gemeinsame Einkäufe für den eigenen Gebrauch und den Kleinhandel zu tätigen und Mitglieder in Schwierigkeiten zu unterstützen.

Ein anderer Ansatzpunkt sind die Lebensgewohnheiten. Die organisierten Frauen haben unter anderem festgestellt, dass sie früher unverhältnismässig viel Geld für Zeremonien wie Heirats- und Tauffeste oder für den Haushalt ausgegeben und sich dabei oft massiv verschuldet haben. Nun haben sie klare Regeln vereinbart, um dieser „Verschwendung“, wie sie die früheren Gewohnheiten beschreiben, einen Riegel zu schieben. Wer sich nicht daran hält und zu viel Geld für eine Zeremonie ausgibt, muss eine Busse bezahlen.

Die Quartier-Mitglieder sind stolz auf die Ergebnisse der Massnahmen, die sie getroffen haben. Das Geld reicht inzwischen meistens bis zum Ende des Monats und die Verschuldung ist drastisch gesunken. Das führt auch dazu, dass wieder mehr Menschen im Quartier bleiben, die früher ihr Auskommen in Dakar oder noch weiter weg gesucht haben. Als weiteren Effekt stellen sie fest, dass die nachbarschaftlichen Beziehungen stärker geworden sind: Sie solidarisieren sich untereinander, nehmen gegenseitig am Leben der anderen teil und unterstützen sich. Die Quartier-Organisationen wollen jetzt weiter gehen: So möchten sie ein Gesundheitszentrum und selbstverwaltete Quartierläden einrichten, um sich zu erschwinglicheren Preisen mit den lebenswichtigen Gütern zu versorgen, und in die Verarbeitung ihrer Produkte investieren. Für all das fehlt aber noch das nötige Geld.

Die Dorfgemeinschaft schöpft neu aus ihrer eigen Kraft, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Sie hat längst aufgehört, etwas von der Regierung zu erwarten. Die Bevölkerung im ganzen Land hatte grosse Hoffnungen in die Regierung von Präsident Wade gesetzt, als dieser vor 10 Jahren unter dem Zeichen der grossen Wende und Veränderung angetreten war. Die Enttäuschung und Ernüchterung ist überall gross, auch in der Dorfbevölkerung von Keury Kao. „Kaum war sie an der Macht, hat sie alle Wahlversprechen vergessen“, sind sich alle einig. Die Machthaber und ihre Klientel saugen die Bevölkerung Tag für Tag aus und wirtschaften in die eigenen Taschen.

Die Erfahrungen der letzten vier Jahre haben das Vertrauen der Dorfgemeinschaft von Keury Kao in die eigene Kraft geweckt. Sie hat die Kraft der Solidarität mobilisiert und baut auf sie, um das Leben ihrer Mitglieder zu verbessern. Die Frauen und Männer von Keury Kao leben die Solidarität Tag für Tag und zeigen, welch solider Grundstein für eine bessere Welt sie ist.

 

4. Februar:
Marianne Lerch-Schlachter, Bäuerin/Uniterre

Marianne Lerch

Ich bin Landwirtin und bewirtschafte mit meiner Familie im Baselbiet einen Milchwirtschaftsbetrieb mit etwas Ackerbau und Obstproduktion. Ich bin Mutter von 5 Kindern. Dank der Unterstützung meiner Familie, und weil im Winter weniger Arbeit draussen erledigt werden muss, kann ich diese Reise nach Senegal ans Weltsozialforum machen.

Die schwierige Situation für uns Bauernfamilien in der Schweiz haben mich dazu bewegt, bei Uniterre aktiv zu werden. Ich möchte mit dieser Reise erfahren, wie es anderen Bauernfamilien zum Beispiel in Afrika geht und ob sie dieselben Probleme haben wie wir. Es ist eine einmalige Gelegenheit, dass wir dank Alliance Sud vor Beginn des Forums landwirtschaftliche Projekte von Hecks und Fastenopfer besuchen können. Diese Besuche auf dem Land bei den Bauernfamilien werde ich nie vergessen.

Der Landverlust der Kleinbauern auch hier in Senegal durch Grossgrundbesitz, Spekulation, Erosion und klimatische Veränderungen beschäftigen mich sehr. Doch ich bin beeindruckt vom Engagement der Bauern und Bäuerinnen in den gegründeten Genossenschaften. Gemeinsam ergreifen sie Massnahmen gegen Bodenerosion, die uns vor Ort in den versteppten Ackerflächen der Dorfbewohner gezeigt wurden. In einem anderen Dorf investiert die Genossenschaft in bessere Bewässerungssysteme für den Gemüse- und Obstanbau. Wie überall auf der Welt, sorgen auch hier die Frauen massgeblich für das tägliche Essen. Sie haben eine Gemeinschaftskasse gegründet, wo die Frauen für ihre Familien Kleinstkredite aufnehmen können. Das ist besonders wichtig, da während den immer länger andauernden Trockenzeiten (9 Monate), die Vorräte knapp werden.

Bei all dem ist es wichtig, dass das Selbstbewusstsein der Landbevölkerung gestärkt wird. Der Präsident der lokalen Bauernvereinigung hat eindrücklich darauf hingewiesen: Die Bauern müssen den Wert ihrer Arbeit und ihres Bodens schätzen lernen und beginnen, dafür zu kämpfen. Denn der Staat hilft ihnen leider nicht. Er ist an Grossgrundbesitzern interessiert, die für den Export produzieren und Devisen bringen. Dabei sollte jedes Land zu seiner Landwirtschaft und zu den natürlichen Ressourcen Sorge tragen und sie schützen.

Das Recht der Bevölkerung auf Mitbestimmung, wie und was sie in ihrem eigenen Land produzieren und konsumieren wollen, fordern auch diese Bauerngenossenschaften. Der Ruf nach Ernährungssouveränität wie sie weltweit von Bauern und Bäuerinnen ausgerufen wird, habe ich auch hier in den Dörfern abseits von Dakar gehört. Das hat mich ermutigt.

Auch in der Schweiz gibt es enormen Landverlust. Er ist nicht die Folge von Machtverhältnissen, sondern die Folge von unkontrollierter Bautätigkeit. Jede Sekunde wird 1,3 m2  Kulturland unwiderruflich verbaut.  In der Schweiz sind wir Bäuerinnen und Bauern bereits gut organisiert, viele unserer Milch- und Landwirtschaftlichen Genossenschaften sind bereits mehr als 100 Jahre alt! Doch das hilft heute nichts mehr, da die bäuerlichen Vertreter oft nicht mehr die Interessen der Basis vertreten. Die Verarbeitungsindustrie und die Grossverteiler haben in der kleinen Schweiz zunehmend eine Monopolstellung und bestimmen die tiefen Produzentenpreise. Diese wiederum heizen die Mehrproduktion an, was zur Folge hat, dass diese auch auf dem Weltmarkt landen. Und in den ärmeren Ländern, konkurenzieren sie die lokalen Produkte und schaden der bäuerlichen Landwirtschaft vor Ort.

Agrarfreihandel zerstört die bäuerliche Landwirtschaft weltweit. Diese Erkenntnis hat sich mit meinem Besuch bei diesen mutigen und gastfreundlichen Bauernfamilien hier in Senegal, verstärkt. Und sicher werde ich nun jedes Mal, wenn ich in meinen Gemüsegarten Auberginen mit dem Trinkwasser so selbstverständlich giesse, an die starken Frauen von „Niayes“ denken, die in mühsamer Handarbeit das kostbare Nass in ihrer Auberginenpflanzung verteilen.

 

3. Februar:
Pepo Hofstetter, Alliance Sud

Pepo DakarAm Dienstag ist die 55köpfige Schweizer Delegation in Dakar eingetroffen, die am Weltsozialforum 2011 (6.2-11.2.) teilnimmt. Mit dabei sind sechs ParlamentarierInnen (vier Grüne und zwei SP), eine Gruppe unia-GewerkschafterInnen, eine Handvoll Medienleute und zahlreiche VertreterInnen verschiedener NGOS. Ich habe die Ehre, diese bunte Truppe – die grösste, die von der Schweiz je an ein Weltsozialforum reiste - zu koordinieren, zusammen mit KollegInnen von E-Changer, Fastenopfer und Heks.

Es ist Tradition, dass wir vor dem eigentlichen Forum unser ein eigenes Besuchsprogramm absolvieren. Es gibt uns Gelegenheit, etwas an der sozialen und politischen Realität des jeweiligen Gastlandes zu schnuppern. Das ist bei Senegal speziell interessant, denn welche Medien berichten in der Schweiz schon über Westafrika?

Natürlich sind Aufstände in Tunesien und Ägypten bei politisch interessierten Menschen auch hier ein grosses Thema. Bei allen Unterschieden hofft manch EineR auf eine Sogwirkung. Gründe dafür gäbe es auch hier genug.

Von den Sorgen, welche die Menschen Senegals plagen, erzählten uns heute Morgen die charismatische Aktivistin und Landwirtschaftsspezialistin Mariam Sow von der NGO Enda Pronat und der linke Oppositionspolitiker Ibrahmine Sène. Etwa von den dauernden Stromunterbrüchen, welche den BewohnerInnen der Grossregion Dakar dermassen das Leben erschweren, dass sie mitunter mit Strassenblockaden und Barrikaden gegen das Versagen des Staates protestieren. Viele Menschen können bloss dank prekären Aktivitäten im informellen Sektor mehr schlecht denn recht überleben; fast zwei Drittel der Bevölkerung gilt als unterbeschäftigt. Die bäuerliche Landwirtschaft ist von diversen „Modernisierungsprogrammen“, die die Weltbank, der IWF und andere internationale Agenturen vorantrieben, zugrunde gerichtet. Sie vermag die Menschen schon lange nicht mehr zu ernähren. Über die Hälfte der Nahrungsmittel müssen importiert werden, fast ein Drittel der Bevölkerung kann sich nicht mit genügend Kalorien versorgen. Und trotzdem bietet die Regierung Hand für eine riesige Landnahme durch die Saudis. Sie möchten im fruchtbaren Gebiet des Senegalflusses auf 200‘000 Hektaren Reis anbauen; 70 Prozent der Ernte soll nach Saudi Arabien exportiert werden, die heutigen Bauern und Bäuerinnen finden sich bestenfalls als Lohnabhängige wieder. „Win-win-Situation“ nennt die Weltbank solche Landnahmen.

Wenig Grund zur Zuversicht haben auch die Verantwortlichen von Fenagie, des Zusammenschlusses der Interessengruppen des Fischereisektors. Um uns sinnlich vom potentiellen Reichtum der Branche zu überzeugen, laden sie als erstes zur Degustation ein. Obwohl die Fischerei nur gut zwei Prozent ans Bruttoinlandprodukt beisteuert, ist sie für viele SenegalesInnen lebenswichtig: Ein Sechstel der aktiven Bevölkerung findet hier ein Auskommen, und sie liefert 70 Prozent der verzehrten Proteine. Doch die einst reichen Fischgründe Senegals sind völlig überfischt, die Beuten haben drastisch abgenommen. Auf Druck der kleinen Fischer hat sich Senegal zwar geweigert, ein neues Abkommen mit der EU zu erneuern, das dieser einst gegen ein bescheidenes Entgelt Fischereirechte in senegalesischen Gewässern übertrug. Doch Senegal, so erklärt uns Fenagie-Generalsekretär Samba Gueye, ist nicht in der Lage, die Gewässer wirklich zu kontrollieren. Viele Fischer, vor allem junge, versuchten über das Meer der Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen. Doch selbst diese „Lösung“ ist heute verweht: Die Küsten werden mit Unterstützung der EU rigoros überwacht, der Landweg über Marokko oder Libyen nach Europa ist ebenfalls dicht.

Fenagie ist Mitglied der internationalen Kleinbauernorganisation Via Campesina. Sie versucht, Strategien zu entwickeln für eine nachhaltigere, stärker regulierte Fischerei zu entwickeln, und durch Selbsthilfe die Verdienstmöglichkeiten der Betroffenen zu verbessern. Dabei hat sie keineswegs nur die Fischer im Blick, (auch) in Senegal eine traditionelle Männerdomäne. 60 Prozent ihrer 16‘000 Mitglieder sind Frauen. Sie verkaufen den Fang der Männer oder verarbeiten ihn weiter.

Über fünfzig „Verarbeiterinnen“ bereiten uns, in wunderschöne, traditionelle Gewänder gehüllt, in Mbao unweit von Dakar einen herzlichen Empfang. Rund 130 Lebou-Frauen arbeiten dort auf einem weiten Gelände. Am Strand räuchern sie in kleinen, glimmenden Häufchen aus Pflanzenabfällen, Karton, Holz und Sand einen Tag lang Sardinen. Dann säubern und köpfen sie sie, salzen sie grosszügig ein und trocknen sie auf geflochteten Bastmatten zwei Tage lang an der Sonne. Das Resultat ist ein sehr protein- und salzhaltiges Lebensmittel, das sechs bis acht Monate lang aufgewahrt werden kann.

Reich werden die Frauen damit nicht. Aber dank ihrer Selbstorganisation (die u.a. vom Schweizer Hilfswerk Fastenopfer unterstützt wird) gelingt es ihnen immerhin, die harte Zeit der „soudure“ (die „Durststrecke“ im Winter bis zur nächsten Ernte bzw. zu besseren Fischfängen) zu verkürzen und die Verschuldung zu Wucherzinsen zu vermeiden. Das tönt nach wenig, aber für viele ist es existentiell.

Pepo Hofstetter, Alliance Sud, Tel. +221 773 97 87 72

Pepo Hofstetter arbeitet bei Alliance Sud und koordiniert die Schweizer Delegation am Weltsozialforum, das vom 6. – 11. Februar in Dakar stattfindet.

 

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