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"Afrika muss selbstbewusst verhandeln"

Veröffentlicht am: 09. 02. 2011

Weltsozialforum in Dakar: An einem gut besuchten Workshop von Alliance Sud und der senegalesischen NGO Enda Pronat diskutierten prominente VertreterInnen der Zivilgesellschaft Erfahrungen mit der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.

Ouedraogo

Mamadou Goita (Mali), Joséphine Ouedraogo (Enda Tiers Monde), Peter Niggli (Alliance Sud) (v.l.n.r.)

"Wir müssen unsere Interessen genau so vor Augen haben wie die Geberstaaten und ihnen sagen: Wenn ihr sie nicht respektiert, dann geht!" Joséphine Ouedraogo, Geschäftsleitern von Enda Tiers Monde und ehemalige Ministerin der Sankara-Regierung in Burkina Faso, weiss wovon sie spricht. 1985, als die Dürre die Sahelzone in eine Hungerkrise stürzte, verhandelte sie mit der Entwicklungsagentur Italiens. "Italien profitierte von unserer Not, um seine Interessen durchzusetzen", erzählte sie an einer Diskussion zum Thema "Wozu dient die Entwicklungszusammenarbeit", welche Enda und Alliance Sud am Weltsozialforum in Dakar organisierten.

Die eigenen Interessen vertreten

"Die Gegend, die am stärksten unter der Dürre litt, war nur schwer zu erreichen. Wir hatten Italien darum gebeten, eine ungeteerte Strasse zu bauen. Sie wollten uns ein schlüsselfertiges Projekt übergeben. Logisch – zum Zuge sollten italienische Baufirmen kommen. Wir sagten: Ein Viertel der Aufträge muss am lokale Firmen vergeben werden. Sie sagten: Ihr wisst ja gar nicht, wie man Strassen baut. Wir antworteten: Dann ist es um so wichtiger, dass wir das lernen. Sie sagten: Es ist unser Geld. Wir antworteten: Aber es ist unsere Strasse.

Die italienische Entwicklungsagentur dachte, Ouedraogo brauche wohl eine persönliche Geldüberweisung. "Ich sagte ihnen: Wenn ihr gehen wollt, kein Problem. Und da bekamen sie Angst. Wir haben gewonnen. Sie gaben lieber nach und überliessen uns 25 Prozent der Aufträge, als das gesamte Projekt zu verlieren. Man muss diskutieren, es braucht Information, Würde, Transparenz. Wir sind nicht einfach arm, wir können selber Beiträge leisten".

Nicht Unterentwicklung, sondern eine schlechte Politik

Noch heute wird über Entwicklungsprogramme verhandelt, welche die afrikanischen Staaten noch abhängiger machen. Die Chinesen wollen in Mali 100.000 Hektaren Agrarland kaufen, auf dem chinesische Arbeiter chinesischen Reis anbauen. "Wie ist es möglich, dass der zuständige Minister diesen Vertrag aushandeln konnte, ohne dass er in seinem Land Rechenschaft ablegen musste? Die Bevölkerung muss informiert werden, sie muss mehr Transparenz verlangen", empört sich Ouedraogo.

Aus ihrer Sicht leidet Afrika darunter, dass es fremdbestimmt wird. "Versucht mal, ein Projekt vorzulegen, das nicht ins Konzept der internationalen Geberagenturen passt! Die ländliche Bevölkerung weiss genau, was sie sagen muss, damit die Experten zufrieden sind. Wie soll da ein ehrlicher Dialog stattfinden? Afrikas Problem ist nicht die Unterentwicklung, sondern die schlechte Entwicklung".

Peter Niggli, Geschäftsleiter von Alliance Sud, war der Meinung, das Volumen der Entwicklungszusammenarbeit müsse relativiert werden. "Dauernd wird gesagt, es würden Milliarden und Milliarden in die Entwicklungshilfe gesteckt, ohne dass man Resultate sehen. Die gesamte Entwicklungszusammenarbeit zwischen1960 bis 2009 betrug 2.700 Milliarden US Dollars. Allein zwischen 2008 und 2010 gaben die Industriestaaten aber 21.600 Milliarden USD aus, um die Finanzkrise zu lindern und ihre Volkswirtschaften wieder anzukurbeln – ein Drittel des weltweiten Bruttonationalprodukts." Und acht mal mehr, als die gesamte weltweite Entwicklungshilfe in den letzten 50 Jahren betrug.

Finanzflüsse offenlegen

"Für die Gesamtheit der Länder im Süden ist die Entwicklungszusammenarbeit bloss ein Tropfen im Ozean. Für die ärmsten Länder hingegen stellt sie einen bedeutenden Beitrag dar", führte Niggli weiter aus. Die Kernfrage sei allerdings, wie und wo die Hilfe eingesetzt werde. In erster Linie in den ärmsten Ländern? Nein, denn sie erhalten nur die Hälfte des Gesamtbetrags zugute. Wenn ein Geberland seine Beziehungen zu China verbessern wolle, investiere es seine Hilfe eben in China, nicht in Afrika.

Penda Mbow, Geschichtsprofessorin an der Universität Dakar und Präsidentin der Bürgerbewegung "Mouvement citoyen" stellte eine klare Forderung: "Gebt uns alle Informationen über die Vermögen, die unsere Regierenden in Steuerparadiesen anlegen. Mit diesem Geld hätten sie die Entwicklung Afrikas seit den 60er Jahren finanzieren können!" Nachdenklich stimmt sie die Abhängigkeit der afrikanischen NGOs von ausländischen Geldgebern.

Solange Afrikas Ressourcen von anderen ausgebeutet würden und andere die Realitäten des Kontinents bestimmten, solange werde Afrika auch von anderen abhängig bleiben, erklärte Mbwo: "Von partnerschaftlichen Beziehungen werden wir erst dann reden können, wenn Afrika über sich selber bestimmen kann."

Dakar, 8.2.2011/
Isolda Agazzi, Alliance Sud

Atelier Publikum

 

 Der Workshop von ENDA Pronat und Alliance Sud löste engagierte Debatten aus. (Fotos: Pepo Hofstetter)

 

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