Nachhaltigkeit für den Massenmarkt

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Am 1. Mai 2013 gab der Bundesrat grünes Licht für einen Vierjahreskredit über 30 Millionen Franken für die strategische Partnerschaft zwischen dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und der holländischen Stiftung für nachhaltigen Handel (IDH).

Die niederländische Stiftung IDH will Grosskonzernen wie Nestlé, Adidas, Ikea, Cargill, Unilever u.a. bei der Umstellung auf sozial und umweltverträglich produzierte Rohstoffe auf die Sprünge helfen. Das Seco unterstützt zwar schon länger den Aufbau von Handelsketten mit fair und biologisch produzierter Baumwolle, Kaffee, Kakao, Holz oder Soja und engagiert sich auch bei der Entwicklung von Zertifizierungsstandards. Derart tief hat es in der Zusammenarbeit mit Schweizer NGOs und dem Detailhandel aber nie in die Tasche gegriffen.
IDH animiert weltweit aktive Grosskonzerne, sich freiwillig Nachhaltigkeitsziele zu setzen, wie etwa die Verminderung des Pestizid- und Düngereinsatzes oder den Schutz der Grundwasserspeicher durch schonende Bewässerungsmethoden. Solche Programme sollen mit bis zu 50 Prozent mit Entwicklungsgeldern finanziert werden. Ziel ist es, mit «nachhaltigen» Produkten den Massenmarkt zu erobern, in Entwicklungsländern im grossen Stil ressourcenschonende Anbaumethoden zu fördern und so die extreme Armut von Kleinbauern zu bekämpfen.

Ist auch Nachhaltigkeit drin, wo nachhaltig draufsteht?

Laut Joost Oorthuizen, dem Geschäftsführer von IDH, wird der Begriff «Nachhaltigkeit» absichtlich nicht näher definiert. IDH biete Händlern, die der gesteigerten Nachfrage nach gerecht und umweltschonend produzierten Gütern nachkommen möchten, lediglich eine Plattform. Zu welchen Standards sie sich gemeinsam verpflichten, dürfen sie selber entscheiden. Mindestkriterien für die Teilnahme gibt es nicht. Statt die Latte zu hoch zu legen, sei es heute wichtiger, auch für schwarze Schafe den Zugang zur grünen Wiese zu öffnen.
Damit hat IDH schon mehrfach schlechte Presse gemacht. So prangerten holländische NGOs 2012 die Aktivitäten von Holzfirmen im Kongo an, die trotz Teilnahme im IDH-Programm in die illegale Holzwirtschaft verwickelt waren. Dieses Jahr schlug die Empörung hoch, als die Electronics-Gruppe von IDH ankündigte, Foxconn in ihre Arme zu schliessen. Als Zulieferfirma von Apple, Dell und HP hat sich Foxconn mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen in China, geringen Löhnen und Suiziden in ihren Firmen einen Namen gemacht. Bei der Wahl der Partner geht IDH also grosse Risiken ein, die als Imageschäden auch auf die finanzierenden Staaten oder implementierende NGOs zurückfallen, wenn Fehlentwicklungen zu spät entdeckt bzw. nicht rasch behoben werden.
Alliance Sud begrüsst, dass das Seco eine NGO-Vertretung aus der Schweiz ins Impact Committee, eine Art Qualitäts-Überwachungsausschuss, entsenden will. Damit soll die Erfahrung mit qualitativ hochstehenden Labeln in die IDH-Partnerschaft einfliessen und verhindern, dass «Greenwashing» betrieben wird und  Produkte von pseudo-nachhaltigen Dumpinglabels auf den Schweizer Markt gelangen. Es gilt zu garantieren, dass das zusammen mit Produktionsgemeinschaften im Süden entwickelte Know How und die Sensibilisierung von KonsumentInnen für gerechte Handelsbeziehungen nicht aufs Spiel gesetzt werden. Begleitend wollen NGOs im engen Austausch mit der kritischen Öffentlichkeit in Europa und den Direktbetroffenen in den Rohstoffländern, IDH-Programme überwachen und mithelfen, neue Erkenntnisse für die Stärkung und Verbreitung von soldarischen und fairen Handelsbeziehungen zu gewinnen.