Agrotreibstoffe im Gegenwind

Bio-Diesel Agrotreibstoffe
Politischer Artikel
Wissenschaft und Bundesrat sind sich einig: Agrotreibstoffe sind das falsche Mittel für Klima- und Umweltschutz. Sofern das Parlament mitzieht, könnte die Schweiz Fehlentscheide wie in der EU vermeiden.

Die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt (EMPA) hat in einer neuen Studie bestätigt, wovor Umweltorganisationen schon lange warnen: Vermeintlich umweltfreundliche Agrotreibstoffe sind in der Gesamtbilanz meist umweltbelastender als Benzin und Diesel. Auch wenn in einigen Fällen der CO₂-Ausstoss geringer als bei fossilen Treibstoffen ausfallen kann, ist die gesamte Ökobilanz bei fast allen untersuchten Agrotreibstoffen schlechter.

Einzig Biogas aus Rest- und Abfallstoffen kann sowohl den CO₂-Ausstoss signifikant verringern, als auch bei anderen Umweltindikatoren besser abschneiden. Der Anbau von Energiepflanzen eigens für die Produktion von Agrotreibstoffen aber belastet Boden und Wasser durch Überdüngung, braucht zusätzlich Energie, Land und Mineralien. «Die meisten Biotreibstoffe verlagern also lediglich die Umweltbelastungen: weniger Treibhausgase, dafür mehr anbaubedingte Schäden an landwirtschaftlich genutzten Böden», so der Leiter der EMPA-Studie Rainer Zah.

Bereits Mitte September 2012 hatte der Bundesrat einen Bericht zur Beimischung von Agrotreibstoffen zu fossilen Treibstoffen verabschiedet. Darin weist er nicht nur auf  mögliche zusätzliche Emissionen von klimaschädlichen Gasen hin, die bei der Herstellung von Agrotreibstoffen entstehen. Er problematisiert auch ausdrücklich  „die Konkurrenz der biogenen Treibstoffe zu Nahrungsmitteln und die Auswirkungen auf die Preise an den Agrarrohstoffmärkten durch die Herstellung und Förderung von biogenen Treibstoffen“. Seine Schlussfolgerung: „Eine verstärkte Förderung von biogenen Treibstoffen ist aufgrund der aus heutiger Sicht gegebenen energetischen, klimabedingten, ökologischen und sozialen Vorbehalte kein Ziel des Bundesrates.“

Zurückkrebsen in der EU

Angesichts neuer Rekordpreise an den globalen Getreidemärkten und scharfer Kritik an den Beimischungsquoten debattierte die EU-Kommission dieser Tage hinter verschlossenen Türen darüber, den  Anteil der nahrungsmittelbasierten Agrotreibstoffe auf fünf Prozent zu begrenzen sowie ab 2020 Subventionen zu streichen. Damit steht das EU-Beimischungsziel von 10 Prozent bis Ende des Jahrzehnts in Frage. Angesichts dieses europäischen U-turns, der den von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen schon lange betonten Mangel an Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Agrotreibstoffen bestätigt, ist ein Nachdenken über die Anpassung von Schweizer Nachhaltigkeitsvorgaben an die EU-Kriterien anachronistisch. Das Parlament wäre demnach schlecht beraten, mit Hilfe von Agrotreibstoffen die nationalen Klimaziele erreichen zu wollen. Über einen entsprechenden Vorstoss von Nationalrat Christian Wasserfallen (FDP) entscheidet das Parlament möglicherweise im nächsten Frühling.