Die Trommeln haben nie aufgehört zu sprechen

Karmakol Festival
Frauenpower im Sudan. Ein Tambour-Workshop auf der grossen Bühne von Karmakol.
Online-Artikel
Im Sudan – während Jahrzehnten politisch und kulturell isoliert – bewegt sich etwas. Ein auf Schweizer Initiative basierendes Kulturfestival weckt Hoffnung. Reportage.

Musik und Tanz im öffentlichen Raum – für Frauen und Männer. Im Sudan, der politisch während Jahrzehnten isoliert war, bewegt sich etwas. Dank der Swiss Initiative und mit Geldern der Schweizer Botschaft trafen sich unter Dattelpalmen am Nil die Lokalbevölkerung, junge Kulturaktivisten aus der Hauptstadt und Expats zum dreiwöchigen Kulturfestival "Open Sudan". Eine Reportage von Daniel Hitzig von Alliance Sud, einer Arbeitsgemeinschaft von sechs Schweizer Hilfswerken.

15. Dezember 2017, sechs Uhr morgens, es ist noch angenehm frisch in Karmakol in der nordsudanesischen Provinz. Daniel Cavegn, Botschafter der Schweiz für den Sudan und Eritrea mit Sitz in Khartum, schaut zufrieden in die Welt. Auch etwas verschmitzt, so wie es die Art des ausgebildeten experimentellen Psychologen ist.

Er war in den letzten Tagen mit grossem Einsatz unterwegs – und es hat sich gelohnt. Nicht zuletzt dank seiner Last-Minute-Fürsprache beim sudanesischen Kulturminister hat hier am Vorabend das erste einer ganzen Serie von grossen Open-air-Konzerten stattgefunden.

Musik! Tanz! Im öffentlichen Raum! Für Frauen und Männer! Daran mochten wenige Wochen zuvor erst OptimistInnen glauben. Kulturelle Initiativen mit Breitenwirkung, die ohne ausdrückliche Zustimmung des islamistischen Militärregimes entstehen, die sind im Sudan nicht vorhergesehen.

Gleich wird Cavegn von seinem Chauffeur in viereinhalb Stunden durch die Wüste nach Khartum zurückgefahren.

Der Bündner aus Sedrun, das in der Schweiz fast so am Rand gelegen sei wie Karmakol im Sudan, freut sich, etwas vom Land zu sehen, in dem er im August seinen ersten Job als verantwortlicher Botschafter angetreten hat.

"Seit meinem Amtsantritt bin ich kaum aus den klimatisierten Büros von Botschaften, UNO-Agenturen, NGOs und Ministerien der Hauptstadt gekommen." Thema war hin und wieder auch das Dossier der kulturellen "Swiss Initiative" gewesen.

Zum Abschied von Cavegn ist auch Filmemacher Ahmed Abdel Mohsen gekommen, ägyptisch-schweizerischer Doppelbürger aus Assuan, Gründer und Initiant der Swiss Initiative und treibende Kraft hinter dem Karmakol International Festival. Zusammen mit Sandra Gysi hatte er 2011 in Ägypten den Dokumentarfilm Sira über das gleichnamige arabische Epos realisiert.

Als Gysi und Mohsen ihren Film in Khartum im Nachbarland Sudan zeigten, trafen sie auf ein kulturell ausgehungertes Land, das seine besten Kräfte während Jahrzehnten behindert, schikaniert und ins Exil getrieben hatte. Doch "die Trommeln haben in all den Jahren nie aufgehört zu sprechen", wie es der sudanesische Sufi-Musiker Asim Tayeb Gorashi in Karmakol formulierte.

Mohsen und Gysi gründeten die Swiss Initiative, die bald von den UNESCO-Kommissionen des Sudans und der Schweiz anerkannt und der Schweizer Botschaft in Khartum mit einem kleinen finanziellen Beitrag unterstützt wurde.

Kamelrennen

Auch ein Kamelrennen war Teil des dreiwöchigen Kulturfestivals "Open Sudan". Dem Sieger winkte eine Prämie von 1000 sudanesischen Pfund (rund 50 Fr.). (Bild: Daniel Hitzig)

Im Zentrum ihrer kulturellen Projekte steht die Überzeugung, dass kein Land ohne Kultur und entsprechende Freiräume auskommt, dass Kultur eine Bedingung ist für soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung. Wichtiger noch, die Swiss Initiative arbeitet auf Augenhöhe mit sudanesischen Kulturschaffenden und AktivistInnen; diese formulieren, welche Art der Unterstützung sie am dringlichsten brauchen.

Schlüsselroman als Schlüssel

Wie aber kam die Swiss Initiative auf Karmakol, diesen kleinen Flecken am Nil? Aus Karmakol stammt Tajjib Salich, der international bekannteste und wichtigste sudanesische Schriftsteller. Sein 1967 erschienenes Buch "Zeit der Nordwanderung" thematisiert die Entwurzelung des Intellektuellen aus dem Süden, der seine Rolle als gefeierter Exot in den Londoner Salons hinterfragt und seine wahre Identität sucht.

Ahmed Abdel Mohsen, selbst einer, der zwischen den Welten lebt, verfügt über die Rechte zur Verfilmung dieses Schlüsselromans der arabischen Welt und des Süd-Nord-Verhältnisses. Als er 2014 erstmals nach Karmakol reist, trifft er auf ein verlorenes Paradies. Das in traditioneller nubischer Lehmziegel-Bauweise errichtete Dorf am Nil war in den 1970er-Jahren verlassen und seither vom Sahara-Sand teilweise zugedeckt worden.

Abdel Mohsen nimmt Kontakt auf mit den Notablen des neuen Karmakol, einer unspektakulären Streusiedlung, die in unmittelbarer Nachbarschaft entstanden ist. Seine Idee: Unter den Dattelpalmen Alt-Karmakols soll ein kleines Kulturzentrum an den weltberühmten Sohn des Dorfs erinnern.

Aus der Idee eines kleinen Tajjib Salich-Kulturzentrums ist in drei Jahren ein Grossanlass geworden, dessen Konzept und Kommunikationexterner Link im Vorfeld etwas rundweg Utopisches anhaftete. Alle am Festival Beteiligten stimmen der Einschätzung zu, dass es eine ziemlich verrückte Idee war, in der vernachlässigten sudanesischen Provinz ein internationales Festival für Kulturaustausch zu organisieren.

Zwei Männer sitzen vor einem Lehmhaus

Der "Omdal", Bürgermeister von Karmakol und Ahmed Abdel Mohsen, der Initiant des Festivals "Open Sudan" in Karmakol. (Bild:Daniel Hitzig)

Auch Botschafter Cavegn konnte sich Anfang Dezember noch nicht vorstellen, in wenigen Tagen in Karmakol im Scheinwerferlicht zu stehen und vom Dorfoberhaupt, dem Omdal, zum Dank für die Unterstützung aus der Schweiz dessen Gehstock geschenkt zu bekommen.

Doch Cavegn, dessen Botschaft sich immerhin mit 20'000 Franken am Budget des (Gratis-)Festivals beteiligt hatte, blieb pragmatisch: "Wenn die Swiss Initiative nur ein Drittel dessen zustande kriegt, was sie ankündigen, dann ist das für den Sudan und die Leute hier zweifellos ein Meilenstein."

Gepokert und gewonnen

Die Tristesse und Düsterkeit des sudanesischen Nationalmuseums in der Hauptstadt gibt einen guten Eindruck vom Stellenwert, den die Kultur im Sudan hat: Gar keinen. Grössere Ansammlungen von Menschen sind autoritären Regimes grundsätzlich suspekt; es gilt zu verhindern, dass sich junge Männer und Frauen ungezwungen begegnen können.

Grossartige Freiluftkinos in Khartum und Omdurman, wo einst weit über tausend Leute Platz fanden und politisch unkorrekte Helden wie James Bond ihren Auftritt hatten, hat das revolutionäre Al-Ingaz-Regime (arabisch für Rettung) nach seiner Machtübernahme 1989 geschlossen.

Der Schweizer Botschafter in Sudan, Daniel Cavegn, vor der Rückreise in die Hauptstadt. (Bild: Daniel Hitzig)

Immerhin, seit rund anderthalb Jahren ist – aufgrund zunehmenden diplomatischen Drucks, vielleicht auch aus purer wirtschaftlicher Not – eine gewisse Lockerung der Zügel zu beobachten. Sicher ist, dass die USA ihr 1997 eingeführtes Handelsembargo im Oktober 2017 nicht umsonst aufgehoben und Zugeständnisse verlangt haben.

Einen hochrangigen Zugang zum sudanesischen Kulturministerium, um ihre Festivalpläne vorzustellen, suchten die Leute der Swiss Initiative ohne Erfolg. Umso interessierter zeigten sich Botschaften – neben der Schweiz vor allem jene der Niederlande – und die Kulturabteilungen grosser europäischer Länder, die in Khartum trotz schwieriger Umstände seit Jahren die Stellung halten: l’Institut français, the British Council und das deutsche Goethe-Institut.

Offen zeigte sich vor allem auch die UNO-Familie, die im Krisenland Sudan mit einigen ihrer wichtigsten Agenturen wie WHO,, IOM, UNICEF, UNHCR, UNESCO vertreten ist. Eine enge Zusammenarbeit ergab sich vor allem mit UNDP, dem UNO-Entwicklungsprogramm.

Mit Unterstützung des UNDP, Kanadas, Japans und der SNCCT (Sudan National Commission for Countering Terrorism) realisierte die Swiss Initiative 2016/17 den 40minütigen Spielfilm Imanexterner Link (Regie: Mia Bittar), der sich dem Thema Vorbeugung von gewalttätigem Extremismus (Prevention of Violent Extremism, PVE) widmet.

Gut zwei Dutzend Sponsorinnen und Partner des Festivals erlaubten letztlich ein Budget von rund 150'000 US-Dollar, wobei die Arbeit der Organisierenden, der Helferinnen und Helfer in einem enormen Effort weitestgehend gratis geleistet wurde.

Lehmhäuser im Nildorf Karmakol

Ein verlorenes und wieder gewonnenes Paradies: Das mit Hilfe der Dorfbevölkerung renovierte, zur Festivalbühne hergerichtete Nildorf Karmakol. (Bild: Daniel Hitzig)

Abdel Mohsen, mit den Eigenheiten des Geschäftens, der Pflege persönlicher Beziehungen in der arabischen Welt bestens vertraut, meint cool: "Letztlich ist unsere Strategie zu 100 Prozent aufgegangen. Wir haben das Festival bottom up zusammen mit jungen Kulturaktivistinnen und -aktivisten organisiert, mit uns wohlgesinnten Kreisen geplant und schliesslich mit einheimischen Sponsoren aus der Privatwirtschaft finanziert. Anfang Dezember hatten wir so viele Fakten geschaffen, dass dem Regime nichts mehr anderes übrig blieb, als uns gewähren zu lassen. Andernfalls hätten sie auch gegenüber ihren eigenen Landsleuten das Gesicht verloren."

Wobei Ahmed durchaus einräumt, dass die Unterstützung durch die Schweizer Botschaft im entscheidenden letzten Moment enorm wichtig war.

Was bleibt von Karmakol?

Das enge Zusammenspiel von jungen und jung gebliebenen Kulturaktivistinnen und -aktivisten aus der einheimischen Zivilgesellschaft und die behutsam eingebrachte Schweizer Expertise haben dieses Festival an der traditionell vernachlässigten sudanesischen Peripherie möglich gemacht.

Der parallele Einbezug verschiedener Ebenen – Unterstützung durch die Zivilgesellschaft, Sponsoring durch den nationalen Privatsektor, Rückendeckung durch die internationale Community in der Hauptstadt – mutet auch im Rückblick abenteuerlich an.

Ibrahim Ibnalbadaya, Sänger und Leader der Gruppe Aswat Almadina (Voices of the City), die Lieblingsband der aufgeklärten bürgerlichen Khartumer Jugend, die deren folkige Lieder alle auswendig mitsingen kann. (Bild: Daniel Hitzig)

Doch in einem undurchsichtigen Staat wie dem Sudan, in dessen engstem Machtzirkel zurzeit heftige Auseinandersetzungen über den zukünftigen Kurs zwischen den Blöcken − Saudi-Arabien, Katar und der Türkei einerseits sowie den USA, Russland und China andererseits − stattfinden, war das Vorgehen der Swiss Initiative genau richtig.

Es konnten unzählige Workshops zu den verschiedensten Themen stattfinden, von Kalligraphie für Kinder über die Stärkung der Rolle der Frauen, Storytelling im Film, die Geheimnisse der sudanesischen Küche, bis zur Frage, wie Musiker und Musikerinnen aus dem Sudan ihre Musik international vermarkten können (the fair revolution of streaming music.

Eine Woche lang fanden unter freiem Himmel grosse Konzerte statt, darunter der in Brooklyn/New York lebende Exil-Sudanese Sinkane, die Wüstenrocker Imarhan aus Tamanrasset/Algerien, Sharhabeel Ahmed, der 85jährige Doyen des sudanesischen Jazz oder Aswat Almadina ("Sounds of the City"), die mit ihren folkigen Liedern die heutigen Khartumer begeistern.

Und last but not least konnte die lokale Bevölkerung mit Marktständen und Unterkünften für die Festivaliers etwas Einkommen generieren.

Für eine abschliessende Bilanz, was vom ersten Festival in Karmakol bleibt, ist es noch zu früh. Ob und wann das Festival ein weiteres Mal oder in Zukunft sogar regelmässig stattfinden wird, ob die angestrebte Nachhaltigkeit mit der Übergabe der ganzen Verantwortung in sudanesische Hände mehr als eine schöne Idee bleibt, wird sich weisen.

Karmakol, der Heimatort von Tajjib Salich, hat auf der kulturellen Landkarte des Sudan jedenfalls seit letztem Dezember erst recht seinen festen Platz.

Dieser Artikel wurde erstmals von Swissinfo publiziert.