Tourismus: Qualität statt Quantität!

Wer erhält, wohin fliesst das Geld für touristische Dienstleistungen? Je weniger Intermediäre wie Agenturen oder Zwischenhändler mitverdienen, desto besser.
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Das laufende Uno-Jahr des nachhaltigen Tourismus soll einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Agenda 2030-Ziele leisten. Doch das Jahr droht als reine Tourismusförderung missbraucht zu werden.

Das von der Uno-Generalversammlung zum internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus erklärte Jahr 2017 sollte das Bewusstsein stärken für den Beitrag des Tourismus zur Erreichung der UNO-Ziele für nachhaltige Entwicklung. Doch bei Halbzeit gibt es keine Hinweise für die notwendigen Verhaltensänderungen in Politik, der Tourismusbranche oder bei den Reisenden.

Gemäss UNWTO (UN World Tourism Organisation) trägt der Tourismus 10% zum globalen Einkommen bei. Jede 11. Stelle ist im Tourismusbereich angesiedelt. Wird der Tourismus anders gestaltet und entwickelt, so hat er grosses Potenzial, einen signifikanten Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung zu leisten. Dies wurde bereits in der Ausarbeitung der Agenda 2030 erkannt. Drei der darin enthaltenen siebzehn Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) beziehen sich explizit auf den Tourismus; namentlich das SDG 8 zu Arbeit in Würde, SDG 12 zu nachhaltigen Produktions- und Konsummustern sowie SDG 14 zu Meeresökosystemen. Indirekt ist der Tourismus aber noch wesentlich stärker mit der Agenda 2030 verknüpft.

So braucht es in Bezug auf weitere Ziele der Agenda 2030 – von Anstellungsbedingungen (Lohn, Weiterbildung, Frauenförderung) über die Nutzung der Ressourcen (Wasserverbrauch, Umwelt- und Gewässerschutz, CO2-Emissionen, Nutzung erneuerbarer Energien) bis zur Steuermoral – verstärkte Anstrengungen.

Die bisherige Kampagne der UNWTO zum internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus lässt eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen Themen jedoch vermissen. Vielmehr ist die Rede vom Wachstumspotenzial im Tourismussektor. So wird auf den erwähnten, eindrücklichen Beitrag des Tourismussektors zum Welteinkommen und im Stellenmarkt verwiesen. Und auf das weiterhin ungebremste Wachstum bei der Anzahl TouristInnen weltweit. Damit wird aber höchstens ein Beitrag des Tourismus an die wirtschaftliche Entwicklung gemessen, nicht jedoch auf die soziale oder die ökologische. Im Rahmen der Agenda 2030 müssen jedoch alle drei Ebenen dringend verbunden werden. Es muss also auch diskutiert werden, wie viele Ressourcen der Tourismus verbraucht, ob Menschenrechte respektiert werden und welche Auswirkungen Tourismus auf eine Gesellschaft und deren sozialen Zusammenhalt hat.

Wer reist?

2015 zählte die UNWTO 1.3 Milliarden internationale Touristen. Gemäss Prognosen wird dieser Wert bis 2030 auf 1.8 Milliarden steigen. Bis 2050 ist mit einer Verdoppelung zu rechnen. Gemessen an der Weltbevölkerung von rund 7.5 Milliarden scheint dies ein grosser Anteil zu sein. Diese Statistik zählt jedoch grenzüberschreitende Reisen und nicht Individuen, letztere werden also oft mehrfach gezählt. Schätzungen bezüglich Reisenden gehen davon aus, dass sich höchstens 5% der Weltbevölkerung Reisen über die Landesgrenzen hinaus überhaupt leisten können.

Ressourcenverbrauch im Tourismus

Bei Auswirkungen des Tourismus auf die Umwelt denken heute wohl die meisten an den CO2-Ausstoss. Im Vergleich zu anderen Wirtschaftssektoren verursacht der Tourismus allerdings nur 5% der weltweiten Emissionen (2011). Doch sind die gerade die Flugverkehrsemissionen – sie entsprechen 40% der dem Tourismus zugeschriebenen Emissionen – besonders klimaschädlich. Sie finden in einer Höhe statt, wo sie den Treibhausgaseffekt wesentlich stärker beeinflussen als Emissionen an der Erdoberfläche. Hinzu kommt, dass sich die Emissionen trotz Effizienzsteigerungen im Transportwesen bis 2040 verdoppeln werden. Der Anstieg bei der Anzahl Reisenden übersteigt die Effizienzgewinne also bei weitem.

Der Ressourcenverbrauch im Tourismus ist aber auch in anderen Bereichen enorm. Problematisch ist insbesondere der Wasserverbrauch. Wobei das Luxushotel mit Wellnessanlage natürlich wesentlich stärker zu Buche schlägt als die kleine Pension ohne Swimmingpool. So wird der Wasserverbrauch im Tourismus zwischen 94 und 3‘300 Litern pro Person und Tag beziffert. Prognosen gehen von einer Verdoppelung des Wasserverbrauchs bis 2050 aus. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Wasserverbrauch in der Schweiz liegt bei ca. 170 Litern.

Oft unterschätzt wird der Landverbrauch. Tourismus ist auf Infrastruktur wie Flughäfen, Strassen, Hotelanlagen, Skigebiete, Golfplätze und anderes angewiesen. Für die Nahrungsmittelproduktion und insbesondere die Abfallentsorgung braucht es zusätzlich Boden. In Gegenden mit hohem Touristenaufkommen reichen für die lokale Bevölkerung gebaute Deponien nicht aus. Beim Landverbrauch gehen Prognosen von einer Verdoppelung bereits bis 2040 aus, bis 2050 wird sogar mit einer Verdreifachung gerechnet.

Wer profitiert? Und wer trägt die Kosten?

Die Nutzniesser des Tourismus können relativ einfach identifiziert werden: Werden Nahrungsmittel auf lokalen Märkten gekauft? Werden Angestellte auf dem lokalen Arbeitsmarkt rekrutiert? Zu welchen Bedingungen? Erhalten sie Weiterbildung und Zugang zu Stellen im oberen Management? Wo werden die Steuern bezahlt? Gehört der Tourismusanbieter zu einem internationalen Konsortium mit Sitz in einer Steueroase? Für den Touristen und die Touristin sind die Informationen zwar nicht immer gleich gut zugänglich, doch Nachfragen kostet nichts.  

Eine umfassende Analyse der Kosten ist meist schwieriger. Klar ist jedoch, dass viele Kosten von der lokalen Bevölkerung getragen werden, Infrastruktur wird von den lokalen Steuerzahlenden finanziert. Deshalb ist es unerlässlich, dass die Tourismusanbieter auch vor Ort ihre Steuern entrichten. Anfallende Gesundheitskosten durch Luftverschmutzung und Lärmbelastung sind schwer zu beziffern. Auch sie werden aber von der Allgemeinheit getragen.

Recherchen zu den Panama Papers haben ergeben, dass zahlreiche Tourismusanbieter ihre Geschäfte über Steueroasen abwickeln. Sie profitieren von einer vom Staat finanzierten Infrastruktur, ausgebildeten Arbeitskräften und Nationalparks, verweigern dem gleichen Staat jedoch einen fairen Anteil am Gewinn, den sie daraus erwirtschaften. Nachhaltig geht anders.

Tourismus steht auch regelmässig in der Kritik von Menschenrechtsorganisationen. Über Land- oder Oceangrabbing werden lokale Gemeinschaften enteignet. Nachhaltiger Tourismus muss aber Perspektiven auch für AnwohnerInnen schaffen. Im internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus gehört entsprechend auch der Respekt für Menschenrechte und Kinderrechte – Stichwort Kinderprostitution – auf die internationale Agenda.

Zum einen braucht es rechtliche Rahmenbedingungen, welche die Tourismusanbieter in die Pflicht nehmen. Ebenso wichtig sind jedoch wir selbst, wir alle: Als verantwortungsvolle Reisende, die Fragen stellen bezüglich Umweltschutz, Arbeitsrechten und lokalen Produkten.