Motor für den Konsum in den ärmsten Ländern

In der Hausarbeit oder in Care-Berufen – oft ohne reguläre Anstellung – finden Millionen von Migrantinnen eine meist schlecht bezahlte Beschäftigung in unseren Breitengraden.
Politischer Artikel
2016 überwiesen MigrantInnen mehr als 450 Mrd. US-Dollar in ihre Herkunftsländer. Damit übertreffen die Rücküberweisungen den Betrag der öffentlichen Entwicklungsgelder um das Dreifache. Sind MigrantInnen also die besseren Entwicklungsfinanzierer?

Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten in ihre Heimatländer spielen eine enorm wichtige Rolle für Angehörige in Entwicklungsländern. Sie sind oft eine unerlässliche Geldquelle, um den persönlichen Bedarf decken zu können. Die Rücküberweisungen, auch Remissen genannt, können nicht vorhandene oder schlecht ausgebaute Kranken- und Sozialversicherungen nicht ersetzen, aber sie können in persönlichen Krisenzeiten ein Abgleiten oder ein Zurückfallen in die extreme Armut verhindern. Ausserdem ermöglichen sie Investitionen beispielsweise in Hausbau oder in die (Schul-)Bildung.

Die neusten Zahlen für 2016 sehen erneut einen Anstieg bei den Rücküberweisungen in Entwicklungsländern. Gemäss einer neuen Studie des International Fund for Agricultural Development (IFAD) wurden mehr als 450 Mrd. US-Dollar in die Heimatländer geschickt. Damit übertreffen diese die offiziellen Entwicklungsgelder,[1] um das Dreifache. (Die Studie zählt nur die Rücküberweisungen in Entwicklungsländer, nicht aber in EU-Länder wie etwa Portugal.)

Rücküberweisungen spielen damit eine zunehmend wichtige Einkommensquelle, gerade für arme Familien in Entwicklungsländer. Diese wird mit zunehmender Migration und zunehmender Integration der Migrantinnen und Migranten in die Arbeitsmärkte ihrer neuen Wahlheimat weiter zunehmen. In ihrer Funktion können sie jedoch die offizielle Entwicklungszusammenarbeit nur ergänzen, nicht jedoch ersetzen.

Wirksame Entwicklungszusammenarbeit setzt bei strukturellen Problemen an. Sie stärkt Rechtssicherheit, so dass private Investitionen sich auch langfristig lohnen. Entwicklungszusammenarbeit schafft Strukturen und Rahmenbedingungen, die Entwicklung ermöglichen. Indem Entwicklungszusammenarbeit zum Beispiel Kleinbäuerinnen in ihrem Kampf um die Anerkennung traditioneller Landnutzungsrechte unterstützt, sorgt sie dafür, dass der Staat sie nicht von ihrem Land vertreiben darf. Nur so können sie sich auf einen Ertrag aus ihrer Ernte verlassen. Zu den Rahmenbedingungen gehört auch Infrastruktur, wie der Ausbau von Zugangswegen zu lokalen und regionalen Märkten, wo landwirtschaftliche Erträge verkauft werden können.

Ausserdem kann die Entwicklungszusammenarbeit dort unterstützen, wo keine oder nur wenig Rücküberweisungen die notwendigen Ausgaben finanzieren. Die meisten Gelder werden heute nach Indien überwiesen, gefolgt von China und Mexiko. Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit in den ärmsten Ländern und bei den ärmsten Menschen ist entsprechend weiterhin notwendig.

Einige wenige machen satte Gewinne

Die grossen Gewinne bei den Rücküberweisungen machen einige wenige, spezialisierte Firmen. Dazu gehören zum Beispiel MoneyGram und Western Union. Die Gebühren für Rücküberweisungen insbesondere in die ärmsten Länder sind immer noch enorm hoch und können mehr als 20% des überwiesenen Betrags ausmachen.  Zwar sind die durchschnittlichen Gebühren seit 2008 von knapp 10% auf 7.4% gesunken. Das sind immer noch mehr als 30 Milliarden US-Dollar jährlich. Da oft keine Alternative zu diesen Instituten besteht, die Familie im Heimatland kein Bankkonto hat oder die Finanzinfrastruktur fehlt, kommen diese hohen Gebühren einer Ausnützung einer Notlage gleich. Zwar hat sich die internationale Staatengemeinschaft in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung darauf geeinigt, die Gebühr bis 2030 auf max. 3% zu senken. Bewegung nach unten wird allerdings wohl erst mit weiterer technologischer Innovation aufkommen. Bereits heute wird versucht, internationale Geldtransfers via Handy durchzuführen. Erste Pilotprojekte in diese Richtung sind am Laufen.

 

[1] frz. Aide public au développement (APD), engl. Official Developpment Assistance (ODA)