Retten Konzerne die Welt?

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Multinationale Konzerne investierten seit 2010 mehr als 600 Milliarden Dollar pro Jahr in Entwicklungsländern – Tendenz steigend. Deutlich mehr als an öffentlichen Geldern floss. Sind multinationale Konzerne also die Speerspitze der Entwicklung?

Multinationale Konzerne investierten seit 2010 durchschnittlich mehr als 600 Milliarden Dollar pro Jahr in Geschäftsaktivitäten in Entwicklungsländern – Tendenz steigend. Zugenommen haben nicht nur ihre Direktinvestitionen in China, Indien oder Südafrika, sondern auch jene in den ärmeren Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Sie übersteigen klar die Ausgaben der Industrieländer für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit in diesen Ländern.

Heute versichern diese Konzerne, dass sie sich bei ihren Investitionen in Entwicklungsländern freiwillig an Kriterien der sozialen und ökologischen Unternehmensverantwortung orientieren. Und nicht wenige inszenieren sich als Vorreiter bei der Umsetzung der Uno-Agenda 2030 für die nachhaltige Entwicklung. Hinter diesen Versprechen stecken oft nur Marketingüberlegungen, manchmal aber auch die Erkenntnis, dass nachhaltige Entwicklung letztlich alternativlos ist. Sind multinationale Konzerne also die neue Speerspitze der Entwicklungszusammenarbeit?

Die Antwort : leider nein. Zwar können multinationale Konzerne tatsächlich dazu beitragen, dass in Entwicklungsländern neue Arbeitsplätze und Lebensperspektiven entstehen. Oder dass sich umweltfreundliche Technologien verbreiten. Oft genug drängen sie aber schwächere lokale Betriebe aus dem Markt und ersetzen einheimische Arbeitskräfte durch importierte Maschinen. Gleichzeitig nutzen sie ihren politischen Einfluss, um sich privilegierten Zugang zu öffentlich finanzierter Infrastruktur zu verschaffen. Vor allem aber schaffen zu viele ihre Gewinne immer noch ins steuergünstige Ausland.

Trotzdem setzen die Entwicklungsagenturen der Industrieländer mehr denn je auf Partnerschaften mit solchen Unternehmen. Sie wollen private Investitionen in Richtung Entwicklungsländer mobilisieren, indem sie deren Risiken absichern. Bevorzugte Partner sind oft die Konzerne des eigenen Landes. Will heissen : Öffentliche Entwicklungsgelder und die Expertise staatlicher Entwicklungsfachleute werden eingesetzt, um die Investitionen von privaten Grossunternehmen des Geberlandes risikoärmer und lukrativer zu machen.

Für diese neue Strategie gibt es zwei Gründe. Da ist einerseits die Hoffnung, dass tatsächlich mehr entwicklungsfördernde Investitionen in ärmere Länder fliessen. Andererseits geht es darum, Budgetkürzungen zu kaschieren. Wenn die Industrieländer mit ihren schrumpfenden staatlichen Entwicklungsausgaben mehr private Investitionsflüsse erzeugen, hat das einen strategischen Effekt : Es fällt weniger auf, wie weit sie sich vom Ziel entfernen, 0,7 Prozent ihres Nationaleinkommens in die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit zu investieren. Ob und wie der tatsächliche Entwicklungsnutzen von Partnerschaften mit dem Privatsektor gemessen werden soll, ist offen.

Auch bei der Finanzierung von Schutzmassnahmen gegen den Klimawandel soll der Privatsektor vorangehen. Doch mit Schutzdämmen – um nur ein Beispiel von vielen zu nennen – wird sich nie eine Rendite erwirtschaften lassen. Dennoch setzt der Bundesrat in seinem jüngsten Bericht zur internationalen Klimafinanzierung der Schweiz weitestgehend auf private Beiträge. Nur hat er keinen Plan, wie das funktionieren soll. Sein Motto scheint : Entwicklung ist umso besser, je weniger sie die öffentliche Hand kostet. Diese zynische Haltung verkennt die Fakten.

Mark Herkenrath, Geschäftsleiter von Alliance Sud