Nahrhafte Spekulationsgeschäfte

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Dass alle Spekulation gut sei und deshalb keine Rolle bei den starken Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln spiele, ist das Argument vieler Regierungen und Sprachrohr-Ökonomen. Doch die Welt der guten Rohwarenspekulation ist seit 2000 Vergangenheit.

Die Landesbank Berlin verzichtet seit Ende September auf Investitionen in spekulative Agrargeschäfte. Damit hat sich bereits die vierte deutsche Bank aus der Nahrungsmittelspekulation zurückgezogen. Den Sinneswandel bewirkte eine Kampagne kritischer KonsumentInnen. Die Deutsche Bank, auf die sich der Druck nun konzentriert, zögert noch. Sie wolle erst prüfen, ob die Spekulation überhaupt etwas mit den stark schwankenden Nahrungsmittelpreisen zu tun habe oder nicht.

2012/2013 droht laut Weltbank die dritte Nahrungsmittelkrise seit 2007/2008. Die Krisen mit ihren starken Preiserhöhungen haben Millionen von Menschen in den Hunger getrieben. Die Ursachen werden international kontrovers diskutiert. Im Vordergrund stehen die Häufung widriger klimatischer Einflüsse auf die Ernten, die wachsende Vernutzung von Lebensmitteln zu Treibstoffen und die Finanzspekulation mit Nahrungsmittel-Derivaten.

Die Kontroverse hat nun auch die Schweiz erreichen. Die Jusos haben eine Volksinitiative gegen Nahrungsmittelspekulation lanciert. Sie will Investitionen in Finanzinstrumente, die sich auf Agrarrohstoffe und Lebensmittel beziehen, verbieten. Ausgenommen sind die klassischen Geschäfte, die der terminlichen und preislichen Absicherung bestimmter Liefermengen dienen und als „gute“ Spekulation gelten.

Dass alle Spekulation „gut“ sei und deshalb keine Rolle bei den starken Preisschwankungen spiele, ist das Argument vieler Regierungen, Finanzinstitute und Sprachrohr-Ökonomen. Allerdings ist die Welt der guten Rohwarenspekulation seit 2000 Vergangenheit. Damals deregulierten die USA die Termingeschäfte, die restlichen westlichen Länder zogen nach. Zuvor hatten Produzenten und Verarbeiter das Warentermingeschäft bis zu 80 Prozent dominiert. Heute ist es umgekehrt: 80 Prozent des Markts werden von Finanzspekulanten bestimmt. Entsprechend hat sich die Beziehung zwischen realer Ware und nominellen Finanzwerten verändert: Je nach Rohstoff liegen die Papierwerte heute um 20 bis 30 Mal höher.
Die Uno-Handelsorganisation Unctad zeigte kürzlich, dass sich infolge des Gewichts der Spekulation die Rohwarenpreise seit Jahren im Tandem, also parallel bewegen und dabei den gleichen Herdenbewegungen folgen, welche die Finanzmärkte generell charakterisieren. Das heisst, die Preise haben sich vom realen Angebots-Nachfrageverhältnis losgelöst: Ob der Mais knapp ist oder nicht, spielt die geringere Rolle als die Preisentwicklung von Kupfer und Soja oder die Reaktion der Finanzmärkte auf die Eurokrise oder andere Finanzschocks, welche die Herde treiben.

Radio DRS befragte einige Schweizer Banken, ob sie dem Beispiel deutscher Finanzinstitute folgen wollten. UBS, CS und die Zürcher Kantonalbank verneinten, sie wollen ihre Agrarfonds weiter anbieten. Immerhin: Sie seien sich „der Problematik und der politischen Diskussion durchaus bewusst“. Wie bewusst, hängt von der Juso-Initiative und allfälligen Reaktionen der KundInnen ab. Wir sind gespannt!

Editorial der Herbstausgabe 2012 von GLOBAL+

Website der Juso-Initiative