Klimabewegungen / Werner Rätz... [et al.]

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Anfang März 2020 macht sich bei manchen die Corona-Panik breit. Im Supermarkt sind die Tiefkühlregale leergefegt. "Tiefkühlpommes haben einen größeren CO2-Fußabdruck als Schweineschnitzel", blitzt der Gedanke auf. Aus Krankenhäusern werden Desinfektionsmittel geklaut (wie anti-sozial) und in den USA wird weniger Corona-Bier getrunken (Hauptsache gegen Mexiko!). Fluggesellschaften stellen ihre Flüge nach China ein, dort stehen Autofabriken still, Shopping-Malls sind leergefegt, der Strassenverkehr ist stark eingeschränkt. Die Quarantäne-Maßnahmen haben den Nebeneffekt, dass Strom- und Kraftstoffbedarf des Landes massiv zurückgehen – und damit auch die CO2-Emissionen: in den zwei Wochen nach dem chinesischen Neujahrsfest um ein Viertel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Blauer Himmel über China, aber nicht nur das. Auch weltweit bekommt der Planet eine Verschnaufpause. Aber diese Art von unfreiwilligem Degrowth wird wahrscheinlich nur vorübergehend sein. Wenn die Pandemie im Griff ist, wird der Betrieb überall wieder hochgefahren, Sonderschichten zur Kompensation werden die Emissionseinsparungen wieder zunichte-machen. Aber die Reduzierung von Treibhausgasen ist nur ein Aspekt im Kampf gegen den Klimawandel. Lateinamerikanische Länder, vor allem in Zentralamerika, sind durch Dürren, heftige Regenfälle und Überflutungen, ansteigenden Meeresspiegel und Hurrikane mit am stärksten vom Klimawandel betroffen. Weitere besonders betroffene Regionen sind die Andenländer, in denen die Gletscherschmelze und die mikroklimatischen Schwankungen den landwirtschaftlichen Anbau erschweren. Nicht zu vergessen die Waldbrände in Brasilien oder auch in Bolivien. Extraktivistische Großprojekte wie Bergbau oder Monokulturen für den Export, die ebenfalls den Klimawandel vorantreiben, bedrohen die Menschen, ihre Lebensweisen und Territorien. Dabei sind bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders verwundbar: Frauen, Kleinbauern und -bäuerinnen, Indigene und Afros. Lateinamerika brennt, im wahrsten Sinne des Wortes, und das obwohl die lateinamerikanischen Länder zu einem viel geringeren Anteil für CO2- Emissionen verantwortlich sind als die Hauptverursacher in den Industriestaaten. "Wir wollen das westliche Modell nicht", ist von vielen vom Klimawandel Betroffenen zu hören. Auf dem "Forum Verwundbares Zentralamerika" Ende letzten Jahres in Costa Rica werden die Industrieländer dafür kritisiert, dass sie nach wie vor ihre Finanzmittel prioritär für Grossprojekte bereitstellen, wovon die meisten vor Ort nicht profitieren. Im Gegenteil: Häufig sind Landvertreibung und Ressourcenentzug die Folge. Diese Politik müsste verändert werden. Das wäre hilfreicher als eventuelle Entschädigungszahlungen, die häufig nicht mal bei den Betroffenen ankommen. Und hierzulande? Trotz eines gestiegenen Bewusstseins und starker Bewegungen wie "Fridays for Future" ist zu beobachten, dass sich die imperiale Lebensweise verstärkt. Im vergangenen Jahr wurde eine Million Fahrzeuge neu zugelassen. Besonders stark ist dabei die Zahl der SUVs angestiegen, um 20 Prozent. Auf Deutschlands Strassen rollen 65,8 Millionen Autos. Der Verkehrskollaps ist täglich zu erleben. Diese kognitive Dissonanz ist zum Haare raufen. Aber Appelle an individuelle Konsumentscheidungen werden die Probleme nicht einmal ansatzweise lösen. Das so genannte "ethische Marktsegment", also Konsument*innen, die sich bei ihren Kaufentscheidungen teilweise von ökologischen und sozialen Kriterien leiten lassen, wird auf 2,5 bis 5 Prozent geschätzt. Oder anders herum: 95 bis 97,5 Prozent der Käufer*innen lassen sich nur vom Preis und dem – durch Werbung erzeugten – Image der Produkte leiten. Daher muss die große Transformation in Politik und Wirtschaft, um nicht zu sagen der Systemwandel, her, um den Klimawandel noch abmildern zu können. Dafür kämpfen immer mehr Menschen weltweit. Die Themen Klimakrise und Klimabewegungen betreffen viele "Klassiker" in der Berichterstattung der ila, etwa kleinbäuerliche Bewegungen, Widerstand gegen Extraktivismus und Großprojekte etc. Wir geben in dieser Ausgabe besonders den Stimmen von lateinamerikanischen Aktivist*innen gegen den Klimawandel Raum und vollziehen dabei den Brückenschlag zu hiesigen Bewegungen. Wenn zum Beispiel hierzulande das Klagerecht von Umweltorganisationen eingeschränkt wird, hat das in Zukunft vielleicht auch Auswirkungen auf Initiativen wie die "Klimaklage" des peruanischen Bauern Saúl Luciano Lliuya gegen RWE. Es gilt also mehr denn je, aufmerksam und aktiv zu bleiben, Corona-Virus hin oder her. [Editorial]