Frauen und Entwicklung

14.5.2021
E-Dossier
Das Erreichen von Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen wurde als eigenständiges Ziel in die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung aufgenommen (Ziel 5).

«Auf der Weltkarte der Frauen gibt es nur wenige ‹entwickelte› Länder», analysiert Joni Seager, Autorin des Frauenatlas. Und weiter: «Beim derzeitigen Tempo der Fortschritte wird der Gender-Gap 217 Jahre bestehen bleiben. 50 Länder reglementieren, wie Frauen sich aus religiösen Gründen kleiden sollten. In über 35 Ländern der Welt haben Frauen nicht dieselben Erbrechte wie Männer.»

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Die Gleichstellung der Geschlechter und die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs)

Globale Erklärungen

Ziel 5 der Globalen Ziele für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals SDG) der Agenda 2030 lautet: «Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen.» In den Unterzielen werden unter anderem die Handlungsfelder Gewalt gegen Frauen und Mädchen, unbezahlte Haus- und Pflegearbeit sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte benannt.

2020 wurden drei Jubiläen von Erklärungen zu Menschen- und Frauenrechten gefeiert: die UN-Charta (75 Jahre), die UNO-Frauenrechtskonvention CEDAW (40 Jahre) und die Peking-Deklaration (25 Jahre).

Das Prinzip der Gleichberechtigung der Geschlechter wird durch die Charta der Vereinten Nationen (1945) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) anerkannt und ist im Zivil- und im Sozialpakt der Vereinten Nationen (1966) rechtsverbindlich verankert.

1979 verabschiedete die UN-Generalversammlung das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, CEDAW).

1995 fand die vierte Weltfrauenkonferenz in Peking statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterzeichneten damals die Pekinger Erklärung und Aktionsplattform als umfassenden Forderungskatalog für die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen.

2010 wurden die vier Abteilungen und Programme der Vereinten Nationen zum Thema Frauen- und Mädchenrechte sowie Gleichberechtigung der Geschlechter unter einem Dach vereint: die UN-Organisation für Geschlechtergerechtigkeit (United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women, kurz UN Women).

2020 wurde die Initiative Generation Equality: Realizing women's rights for an equal future gestartet. Ziel ist, den Umsetzungsstand der Agenda 2030 zu überprüfen und bis 2025 konkrete Aktivitäten zu entwickeln, um die Ziele zur Gleichberechtigung der Geschlechter bis 2030 zu erreichen. Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen, der Zivilgesellschaft (insbesondere Frauen- und Jugendorganisationen), internationaler Organisationen und der Privatwirtschaft sind beteiligt. Themen sind unter anderem geschlechtsspezifische Gewalt, wirtschaftliche Gerechtigkeit, sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte, Klimagerechtigkeit sowie Technologie und Innovation.

Ein globales Treffen für die Gleichstellung der Geschlechter Generation Equality Forum begann im März 2021 in Mexiko-Stadt und wird vom 30. Juni bis 2. Juli 2021 in Paris seinen Höhepunkt finden.

Die Schweiz

In der Schweiz postuliert Artikel 8 der Bundesverfassung ein Gleichheitsgebot und Diskriminierungsverbot unter anderem aufgrund des Geschlechts. Seit 1996 gibt es ein Gleichstellungsgesetz, 1997 wurde das UNO-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) von der Schweiz übernommen und 2017 die Europaratskonvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention). Obwohl politisch und von NGOs schon mehrfach gefordert, fehlt der Schweiz eine nationale Gleichstellungsstrategie.

Mit der 2017 verabschiedeten EDA-Strategie zu Geschlechtergleichstellung und Frauenrechten ist die Gleichstellung von Frau und Mann zu einem wichtigen Pfeiler der Schweizer Aussenpolitik geworden. Die Strategie der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz 2021-2024 behandelt die Geschlechtergleichstellung als Transversalthema, das bei allen Aktivitäten der DEZA berücksichtigt wird. Im Rahmen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung setzt sich die Schweiz für die Umsetzung des fünften Ziels ein: «Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen». In ihrer Gender-Politik hält die DEZA fest, dass «die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen sich nur durch eine gerechtere Verteilung von Ressourcen und den Abbau von ungleichen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen erreichen lässt».

Der globale Süden

70 Prozent der armen Menschen weltweit seien Frauen, heisst es oft. Die gute Nachricht: Es sind nicht mehr ganz so viele, sondern «nur» noch etwas mehr als 50 Prozent. Das zeigen neue Erkenntnisse der Vereintetn Nationen und der Weltbank. (Gleichberechtigung würde helfen, Melanie Kräuter, Welt-Sichten, 27.11.2019)

25 Jahre nach der bedeutenden Frauenkonferenz von Peking gibt es einige Fortschritte. Zum Beispiel hat sich zwischen den Jahren 2000 und 2017 die Müttersterblichkeit weltweit um 38 Prozent verringert. In den Jahren 1990 bis 2012 wurde erreicht, dass in immer mehr Ländern etwa gleich viele Jungen und Mädchen eine Grundschule besuchen. In den vergangenen Jahren ist die Erwerbstätigkeitsquote von Frauen gestiegen, doch sie liegt laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO global noch 27 Prozentpunkte unter jener der Männer. Ganz zu schweigen davon, dass Frauen in der Regel schlechter bezahlte Jobs haben und meist noch allein für die häuslichen Tätigkeiten zuständig sind. Auch Gewalt an Frauen ist nach wie vor ein grosses Problem. Immerhin gibt es inzwischen in 155 Ländern Gesetze gegen häusliche Gewalt, 1984 waren es gerade mal 2. (Schwierig, Normen zu verändern, Melanie Kräuter, Welt-Sichten, 12.03.2020)

Gesetze und soziale Normen benachteiligen viele Mädchen und Frauen beim Zugang zu Gesundheitsdiensten, Bildung, Führungspositionen, Finanzmitteln und zum Markt. Die meisten Frauen arbeiten im Niedriglohn- oder informellen Sektor. Viele Arbeitsplätze im formellen Sektor, in Textil- und Elektronikfirmen sind durch mangelnde Aufträge bedroht. In der Landwirtschaft schaden den Frauen Dürrekatastrophen, Überschwemmungen oder Stürme, sodass sie als Versorgerinnen der Bevölkerung nicht mehr ausreichend Nahrungsmittel produzieren können. Sie haben auch weniger Einfluss auf soziale, politische und ökonomische Entscheidungsprozesse als Männer, und nicht selten erleben sie geschlechterspezifische Gewalt, Diskriminierung und Ausschluss. (Gleichstellung von Frau und Mann, DEZA Website, 2021)

Im Südlichen Afrika zum Beispiel verrichten sie zwar 80 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, besitzen aber nur 7 Prozent des Landes. Frauenfeindliche Traditionen, Vorurteile und Machtverhältnisse behindern Fortschritt und Gleichstellung. Müttersterblichkeit und Gewalt gegen Frauen bleiben eine menschenrechtliche und entwicklungspolitische Herausforderung. (Gewusst wie: Gender in der Entwicklungszusammenarbeit, Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO), 2006)

«In vielen Ländern Lateinamerikas hat sich einiges getan in Bezug auf Gleichberechtigung, auch bezüglich reproduktiver Rechte», erklärt Carsta Neuenroth, Referentin für Gender bei Brot für die Welt. In Bezug auf die Gewalt gegen Frauen habe sich dagegen nichts gebessert. Und weiter: «Auf der einen Seite ist das patriarchale System, das soziale Ungleichheit schafft, zum anderen beutet das kapitalistische System Frauen besonders aus, etwa als billige Arbeitskräfte oder im informellen Sektor.» Und dann fehlt oft noch eine soziale Absicherung. Global gesehen ist weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung durch soziale Sicherungssysteme geschützt. Und Frauen machen den grössten Teil der «Ausgeschlossenen» aus. Zumindest an diesen Stellschrauben müsste die Politik drehen, um das Leben von armen Frauen schnell zu erleichtern. Doch langfristig, darin sind sich Experten einig, ist Gleichberechtigung der wohl wichtigste Schlüssel zur Bekämpfung von Frauenarmut. (Gleichberechtigung würde helfen, Melanie Kräuter, Welt-Sichten, 27.11.2019)

«Frauen sind arm an Ressourcen, Bildung, Gesundheit, Beschäftigung, Einkommen, weil sie arm an Rechten, Chancen, Macht, sozialer Sicherheit, Zeit und Gewaltfreiheit sind. Die verschiedenen Dimensionen von Armut bedingen sich wechselseitig.» Diesen Satz hat die Geschlechterforscherin Christa Wichterich im Jahr 2006 in ihrer Kritik an den Millenniumszielen formuliert. (Barbara Unmüßig, Frau Macht Veränderung. 15 Jahre Pekinger Weltfrauenkonferenz – 15 Jahre Frauenfriedenszug: Bilanz und Perspektiven, 2010)

Überall auf der Welt kämpfen also Frauen für ihre Rechte und gegen Diskriminierung. Einmischung aus dem Westen ist dabei nicht immer hilfreich. (Frauen hören die Signale, Chitra Nagarajan, Welt-Sichten, 23.01.2017)

Plattformen und Netzwerke

Association for Women's Rights in Development (AWID)
ist eine globale, feministische Mitgliederorganisation, die Frauenbewegungen unterstützt.
https://www.awid.org

Development Alternatives With Women For A New Era (DAWN)
ist ein Netzwerk von feministischen Wissenschaftlerinnen, Forscherinnen und Aktivistinnen aus dem wirtschaftlichen Süden, die sich für wirtschaftliche und geschlechtsspezifische Gerechtigkeit sowie nachhaltige und demokratische Entwicklung einsetzen.
https://dawnnet.org/

Frauensolidarität
leistet Informations-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika sowie zu globalen Machtverhältnissen aus feministischer Sicht. Als entwicklungspolitische Organisation steht sie im Dialog mit Frauenbewegungen weltweit und stärkt durch Vernetzung das solidarische Handeln.
https://www.frauensolidaritaet.org/

International Women's Rights Action Watch Asia Pacific (IWRAW Asia Pacific)
ist eine feministische Organisation, die sich für die Verwirklichung der Menschenrechte von Frauen durch das Streben nach Gleichberechtigung einsetzt.
https://www.iwraw-ap.org/

La Marche mondiale des femmes (MMF)
ist eine internationale feministische Aktionsbewegung, die Basisorganisationen und Gruppen verbindet, die sich für die Beseitigung der Ursachen von Armut und Gewalt gegen Frauen einsetzen.
https://marchemondiale.org/

Women’s Human Rights App
ist eine vom Schweizerische Kompetenzzentrum für Menschenrechte (SKMR) und vom Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) kostenlose digitale Datenbank zum Thema Frauenrechte und Geschlechtergleichstellung.
https://womenshumanrights.ch/

Facts and figures

Gender, Institutions and Development – GID
umfasst Daten für weltweit 162 Länder und beinhaltet 60 Indikatoren hinsichtlich Gender-Diskriminierung. Institutionelle und kulturelle Faktoren sind quantitativ bewertet: dazu gehören das Eherecht (z.B. Polygamie) wie auch Normen und Traditionen (z.B. die gesetzliche Regelung des Zugangs von Frauen und Männern zu Boden und Kapital).
https://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=GIDDB2019

SDG Gender Equality Index
misst den Stand der Gleichstellung der Geschlechter in Bezug auf 14 der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) in 129 Ländern und 51 Themen wie Gesundheit, geschlechtsspezifische Gewalt, Klimawandel, menschenwürdige Arbeit und andere.
https://www.equalmeasures2030.org/products/sdg-gender-index/

Weltbank Gender Data Portal
ist die umfassende Datenbank der Weltbankgruppe für die neuesten nach Geschlecht aufgeschlüsselten Daten und Gender-Statistiken zu den Themen Demografie, Bildung, Gesundheit, Zugang zu wirtschaftlichen Perspektiven, öffentliches Leben und Entscheidungsfindung sowie Handlungsfähigkeit.
https://www.worldbank.org/en/data/datatopics/gender

Women in Politics 2021 Map
zeigt globale Rankings für Frauen in Führungs- und Regierungspositionen zum 1. Januar 2021, Allzeithochs für weibliche Staatsoberhäupter und Regierungschefs, weibliche Parlamentspräsidenten und weibliche Abgeordnete und Minister. 
https://www.ipu.org/women-in-politics-2021

Women’s leadership and political participation (UN Women Facts and Figures)
gibt einen Überblick über Frauen in exekutiven Regierungspositionen, Frauen in nationalen Parlamenten, Frauen in der lokalen Verwaltung und die Ausweitung der Beteiligung.
https://www.unwomen.org/en/what-we-do/leadership-and-political-participa...