Kunst und Entwicklung

2.7.2020
E-Dossier
Wie kann Kunst eine Rolle spielen, wo materielle Not herrscht? Sind Kunst-Initiativen im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit überhaupt sinnvoll? Ist es sinnvoll, Künstler zu unterstützen, wenn gleichzeitig Kinder verhungern?

Selbst in prekären Situationen haben Menschen das Bedürfnis, sich in ihren spirituellen, sensiblen und emotionalen Dimensionen auszudrücken und einander begegnen zu können. Darüber hinaus erlaubt uns Kunst, der Komplexität bestimmter Fragen nachzugehen, ohne vorgefertigte Antworten zu haben. Somit kann Kunst kreative und freie Reflexionsräume eröffnen und kreative Zukunftsvisionen ermöglichen. Dadurch kann Kunst emanzipatorisch wirken. Kunst zu unterstützen bedeutet, die Zivilgesellschaft, den sozialen Zusammenhalt und die Meinungsfreiheit zu stärken.

Video

The Role of Arts & Culture in an Open Society

Zitate

«Menschen, die in materiell schwierigen Verhältnissen leben, möchten vor allem als geistige und seelische Wesen angesprochen werden und widmen diesen Dimensionen einen beträchtlichen Teil ihrer Energie. Es sind Dimensionen, in denen sich Menschen respektvoll begegnen und Hoffnung schöpfen. Kunst bietet eine Möglichkeit dazu und hat ausserdem die spezielle Qualität, auf bestehende Probleme keine Antworten vorzugeben. Vielmehr entfaltet sie die Komplexität von Problemstellungen und schafft Freiräume, um Lösungen zu erproben.»
artas Foundation, Rundbrief April 2020 (.pdf)

«Helvetas ist überzeugt, dass es ein Grundbedürfnis gibt, die eigene Identität und Kultur offen zu leben. Gerade wenn andere Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind, erhält der künstlerische Ausdruck eine wichtige psychosoziale Funktion, sowohl für die Künstlerinnen und Künstler als auch für das Publikum. Kunst und Kultur, die das Bedürfnis nach Frieden ausdrücken, erreichen nicht nur den Geist der Menschen. Sie berühren ihre Herzen.»
Helvetas Website (Zugriff: 18. Mai 2020)

Dafür (für Kulturprojekte) gibt die DEZA jährlich 4 bis 6 Millionen aus. Davon profitieren Marionettenspieler und Maler in Tansania, Theaterleute in Mali und Usbekistan oder junge Künstler in Moldawien. Dort sprach die DEZA 25 000 Franken für einen Auftritt von Talenten mit dem Philharmonieorchester. «Mit Entwicklungshilfe hat das nichts zu tun», sagt Glarner. «Es kann nicht sein, dass gleichzeitig in Burkina Faso Kinder verhungern.»
Sonntagszeitung, 06.01.2019

«Nach hunderten Jahren des Kampfes für die Autonomie der Kunst, nach Jahrzehnten des Lernens, dass die wesentliche Qualität von Kunst ihre Ambiguität ist, nach Jahren des Wiederholens, dass Kunst Fragen stellt und nicht Antworten gibt, gibt es plötzlich diesen hartnäckigen Ruf nach einer Kunst, die nützlich ist, nach direktem Engagement, nach künstlerischem Aktivismus, nach Einmischung in die politische Realität unserer Gesellschaften und Ökonomien. (...) Natürlich ist der Ruf nach Nützlichkeit nicht unproblematisch – scheint er doch im Einklang zu stehen mit sozialdemokratischen Instrumentalisierungen von Kunst als Sozialarbeit oder Beschwichtigungsstrategie. Aber diese Befürchtung unterschätzt die widerständigen Qualitäten von Kunst. Die eindrücklichsten Beispiele sozial engagierter Kunst sind weit davon entfernt, sich mit symbolischen Gesten zufrieden zu geben.»
Florian Malzacher, Goethe Institut, Juni 2015

«Kunst und Kultur sollten als wichtiges Medium zwischen komplexen Herausforderungen und den gesellschaftlichen Akteuren verstanden werden. Auch ein Brückenschlag zwischen Kunst und Kultur einerseits und Wissenschaft andererseits schafft vielfältige gegenseitige Bereicherung. So kann mit Hilfe der kulturellen Dimension der Zugang zu komplexen Themen ermöglicht und durch Perspektivwechsel auf eine andere Art auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam gemacht werden.»
Janina Sturm, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, 25.06.2018

 

Webseiten

Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA fördert gezielt den Kultursektor ihrer Partnerländer sowie den Zugang von Kulturschaffenden zum schweizerischen und internationalen Kulturmarkt, weil Kunst und Kultur zur Meinungsfreiheit, zur Friedensförderung und zur nachhaltigen Entwicklung beiträgt. "Culture Matters" bietet der Öffentlichkeit ausführliche Informationen über das Kulturengagement der DEZA. Im Auftrag der DEZA unterstützt artlink in der Schweiz gezielt Kunst- und Kulturschaffende aus Entwicklungsländern und Visions Sud Est Filmproduktionen.

artas foundation ist ein Schweizer Kompetenzzentrum für Kunst im Kontext von Konfliktvermittlung und Friedensförderung. Sie begleitet Kunstprojekte in Konfliktregionen, erprobt, wie diplomatische Vermittlungsverfahren und friedensstiftende Mediationen durch spezifische künstlerische Interventionen unterstützt werden können, und  vernetzt Menschen und Organisationen, die sich für Konfliktvermittlung und Friedensförderung durch Kunst engagieren. Die Website bietet eigene Publikationen zum Thema sowie Hintergrundtexte, Literaturlisten und weiterführende Links.

Arts Investment Forum ist eine unabhängige Wissensquelle und ein globaler Treffpunkt für Stakeholder, die fest daran glauben, dass Investitionen von menschlichen, materiellen und finanziellen Ressourcen in Kunst und Kultur Entwicklung nachhaltig und friedlich vorantreiben können.

Die International Federation of Arts Councils and Culture Agencies (IFACCA) ist das globale Netzwerk von Kunsträten und Kulturministerien mit Mitgliedern in über 70 Ländern. Das IFACCA-Sekretariat bietet Dienstleistungen, Informationen und Ressourcen für die Mitglieder und ihre Mitarbeiter sowie für die breitere Öffentlichkeit.

Die Arts Rights Justics Library ist eine online zugängliche Sammlung der wichtigsten Dokumente über Kunstfreiheit und verwandte Themen, umfasst Toolkits und Schulungsmaterial sowie Berichte und Dokumente in englischer Sprache und ist am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim angesiedelt.

Der UNESCO-Lehrstuhl "Cultural Policy for the Arts in Development" ist am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim angesiedelt und erforscht u.a.: Künstlerische Interventionen und Transformationsprozesse; kreative Fähigkeiten der Zivilgesellschaft; Schutz und Förderung der künstlerischen Freiheit; Kunst, Kultur und nachhaltige Entwicklung; kulturelle Vielfalt und Solidarität. Die Website gibt Einblicke in die Aktivitäten des UNESCO-Lehrstuhls sowie weiterführende Links.

UNESCO Diversity of Cultural Expressions ist die Internetplattform der UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Unter kultureller Vielfalt versteht die UNESCO die mannigfaltigen Ausdrucksformen der Kulturen von Gruppen und Gesellschaften. Diese Ausdrucksformen werden sowohl innerhalb als auch zwischen Gesellschaften weitergegeben. Kulturelle Vielfalt zeigt sich außerdem in den verschiedenen Ausprägungen des künstlerischen Schaffens sowie der Herstellung, der Verbreitung, des Vertriebs und der Nutzung kultureller Ausdrucksformen. Die Website bietet Publikationen, Veranstaltungen und weiterführende Links.

Beautiful Trouble ist internationales Netzwerk von künstlerisch-aktivistischen Ausbildern, eine Web-Toolbox und ein Buch, deren Ziel es ist, Grassroots-Bewegungen kreativer und effektiver zu machen. Die Beta-Version der Web-Toolbox ist online und bietet der Öffentlichkeit den gesamten Buchinhalt auf Englisch unter einer Creative-Commons-Lizenz an. Die deutsche Ausgabe des Buches ist in der Bibliothek von Alliance Sud InfoDoc erhältlich.