Die Moderne strebt danach, afrikanisch zu sein

8.4.2021
Artikel global
Interview mit dem senegalesischen Künstler Alun Be, der unsere Wahrneh­mung von Afrika verändern will.

Alun Bes Werk stellt die afrikanische Gegenwart dar. Seine Fotoserien befassen sich hauptsächlich mit Intergenerationalität, weiblicher Selbstbestimmung und Technologie. 1981 in Dakar, Senegal, als Alioune Ba geboren, schreibt Alun Be die Entwicklung seines Werks vor allem seiner französischen, amerikanischen und westafrikanischen Erziehung zu. Seine Eltern glaubten nicht daran, dass Kunst eine zukunftsträchtige Karriere verspreche, und drängten ihn, einen Master in Architektur zu machen. Nach zwei Jahren Tätigkeit als Architekt im Senegal entfachte ein Umzug nach Dänemark seine Liebe zur Fotografie. Seitdem hat Be unter anderem auf der Mailänder Weltausstellung (2015), der Dakar Biennale (2018) und dem Museum of Contemporary Photography of Chicaco (2018) ausgestellt und bei TEDxNapoli und TEDxWanChai Salon referiert.

«Afrika strebt nicht mehr danach, modern zu sein – das ist bereits geschehen. Es ist die Moderne, die danach strebt, afrikanisch zu sein.»

Joëlle Valterio (InfoDoc): Ich liebe das Foto POTENTIALITY, weil es meine Augen weit öffnet – nach aussen und nach innen – und es mich staunen lässt. Ich frage mich, was das kleine Mädchen im Himmel wohl sieht, das sie so schön kühn dastehen lässt, und ich stelle mir vor, dass sie eine Version von sich selbst in ihrem vollen Potenzial sieht. Worüber wollen Sie uns durch Ihre Kunst zum Staunen bringen? Und wie kann Kunst mehr als eine Art Werkzeug genutzt werden, um Potenziale auszudrücken und zu entwickeln?

Alun Be: Das kleine Mädchen sieht sich selbst, und mehr noch: Sie spürt sich selbst in genau diesem Augenblick, bekommt ein Gefühl dafür, wer sie in ihrer tiefsten Natur ist. Eine wahre Geschichte: Einige Monate nach dem Fototermin traf ich sie und ihre Mutter in den Strassen von Dakar. In dem Moment, als das kleine Mädchen mich sah, rannte sie auf mich zu und umarmte mich so fest wie noch nie. Ihre Mutter erzählte mir, dass sie am Tag des Fotshootings das Gefühl hatte, dass nichts auf der Welt für sie unerreichbar sei. Ich bin überzeugt, dass Kunst universelle Wahrheiten und Werkzeuge erwecken kann, die in unserer Menschlichkeit liegen – und in uns selbst.

Joëlle Valterio (InfoDoc): Das kleine Mädchen steht da wie eine Superheldin. Mit den Händen in die Hüfte gestemmt und dem knallbunten Kleid mit dem wehenden Umhang ist sie bereit, sich allem zu stellen, was auf sie zukommt. Andererseits sehe ich aber auch eine Verletzlichkeit in ihr. Sie ist ein Kind, trägt Flipflops und ist sich ihrer eigentlichen Umgebung nicht bewusst. Was ist Ihre Vision von Afrika, das sein volles Potenzial ausschöpfen kann? Spielen Frauen darin eine besondere Rolle? Und was würden Sie sagen, ist Afrikas grösste Verwundbarkeit?

Alun Be: Ich weiss nicht, was Afrikas grösste Verwundbarkeit ist, aber ich bin stark überzeugt, dass seine grösste Stärke in seiner Verletzlichkeit liegt. Dennoch wird Afrika sein volles Potenzial erreichen, wenn es wieder seine wahre Natur annimmt. Das heisst, wenn Afrikaner aufhören zu versuchen, Westler oder Chinesen zu sein. Frauen sind dabei der Grundstein für ein Gleichgewicht auf dem Weg zu besseren Zeiten, nicht nur in Afrika, sondern weltweit.

Joëlle Valterio (InfoDoc): Die VR-Brille ist ein Schlüsselelement des Fotos, das unsere Vorstellung davon herausfordert, dass Afrika von der digitalen Transformation ausgeschlossen sei. Wie wirkt sich die digitale Transformation auf die afrikanische Gesellschaft im Allgemeinen und ihre Kunstszene im Besonderen aus?

Alun Be: Die digitale Transformation hat jeden Übergangsritus in Afrika grundlegend beeinflusst. Es gibt einen neuen Typus von AfrikanerInnen. Sie müssen sich erst noch entscheiden, wer sie sein wollen, an diesem Punkt stehen sie im Moment. Sie haben all diese Informationen, und einige nutzen sie, um die Lebensbedingungen im Allgemeinen zu verbessern. Aber werden die AfrikanerInnen aus der Vergangenheit lernen, während sie sich in diese schnelllebige Zukunft stürzen? Werden sie ihr Erbe an reichen Afroismen bewahren, oder werden sie eine weitere individualistische Gesellschaft werden? Dies sind entscheidende Zeiten, denn wir wissen, dass das Schicksal Afrikas das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen wird.

 

Das Foto «Potentiality» aus der Serie «Edification» von Fotograf Alun Be ist während des ganzen Jahres 2021 in der InfoDoc Bern zu sehen, im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Futur perfekt – Visionen einer nachhaltigen Zukunft».