Nachhaltige Lieferketten sind auch ein soziales Thema

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Nachhaltige Lieferketten sind auch ein soziales Thema “Grundsätzlich rechne ich damit, dass Sozialstandards als Hilfsmittel und praktische Instrumente für Unternehmen an Bedeutung gewinnen werden”. Öbu Projektleiter David Weiss spricht im Interview mit fokus. über Lieferketten, Sozialstandards und wo bei deren Erarbeitung und Einhaltung Schwachstellen entstehen. Im Zuge der Globalisierung haben Unternehmen ihre Lieferketten um die ganze Welt gespannt. Diese Lieferketten führen häufig durch Gebiete mit nur schwacher Rechtsstaatlichkeit, in welchen unterschiedliche Arbeitsbedingungen herrschen. Dort sind der Schutz der Arbeitenden sowie die Einhaltung von Arbeitnehmer- und Menschenrechten nicht immer garantiert. In diesem Zusammenhang, vor allem im Kontext von «Corporate Social Responsibility», werden Sozialstandards eingesetzt. Dies, um die soziale Nachhaltigkeit in internationalen Lieferketten zu verbessern. Laut David Weiss, Projektleiter nachhaltige Lieferketten und Beschaffung beim Verband für nachhaltiges Wirtschaften (öbu), sind solche Sozialstandards vergleichbar mit Fairtrade- oder Bio-Labels, allerdings mit einem anderen Schwerpunkt.Die Ziele von SozialstandardsSozialstandards sind rechtlich freiwillige Instrumente, die oft von Unternehmen nicht nur angewendet, sondern auch gegründet und entwickelt werden. Daher sind sie keine einheitlichen Instrumente, sondern können unterschiedliche Verbesserungen oder Mindeststandards anstreben, da sie rechtlich freiwillig sind. David Weiss erklärt: «Oftmals liegen die von Sozialstandards geforderte Einhaltung bestimmter Arbeitsbedingungen aber nicht über dem rechtlich Geforderten.» Häufig zielen diese Standards darauf ab, dass die arbeitsrechtlichen Verpflichtungen der Internationalen Arbeitsorganisation eingehalten werden. Die IAO-Normen regeln und definieren beispielsweise das Verbot von Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Diskriminierung sowie Freiheiten und Rechte von Arbeitnehmenden. Einige Sozialstandards ergänzen diese international anerkannten Normen durch Themen wie beispielsweise Sicherheit am Arbeitsplatz oder auch faire Entlohnung. Schlussendlich sind solche Sozialstandards freiwillige Instrumente und können demnach beliebige Ziele verfolgen. Der Stand der SchweizBei der Diskussion um Sozialstandards in der Schweiz geht es nicht um deren Einhaltung im Inland. Sondern um die Einhaltung von Mindeststandards in Ländern mit schwacher Rechtsstaatlichkeit, in welchen grundlegende Menschenrechte nicht garantiert sind. Auch der Bundesrat erwartet von Schweizer Unternehmen, dass sie internationale Standards wie die OECD-Leitsätze und die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte überall, wo sie tätig sind, einhalten. Dies will er durch eine Mischung von verbindlichen Gesetzen und der Unterstützung von freiwilligen Massnahmen erreichen. «Bis heute wurden jedoch keine nennenswerten gesetzlich verbindliche Massnahmen getroffen», relativiert David Weiss.Für Schweizer Unternehmen ist also die Einhaltung von Mindeststandards also immer noch überwiegend freiwillig. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten kann die Schweiz diesbezüglich Einiges aufholen. Zahlreiche Unternehmen engagieren sich bereits heute freiwillig, um diese Thematik voranzutreiben. Da die Verbesserung der Arbeitsbedingungen entlang von Lieferketten langfristige Zusammenarbeit mit den Lieferanten und eine Erhöhung der Transparenz, respektive der Rückverfolgbarkeit von Materialien erfordert, tauschen sich Unternehmen über Ansätze und Erfolge auch untereinander aus, so beispielsweise im Rahmen des Verbandes für nachhaltiges Wirtschaften öbu in einer Arbeitsgruppe.Die Überwachung der Einhaltung von StandardsEine Schwäche von freiwilligen Sozialstandards ist, dass die Systeme zur Überwachung der Einhaltung der Standards Teil der Standards selbst sind. Daher kann auch die Überwachung eines Standards grundsätzlich beliebig ausgestaltet sein. Die Überprüfung verläuft meist über Sozialauditoren, welche die Arbeitsbedingungen vor Ort dokumentieren. Ob ein Sozialstandard glaubwürdig ist, hängt dabei unter anderem davon ab, wie unabhängig die Überwachungsorgane von den zu beurteilenden Unternehmen ist. David Weiss berichtet allerdings, dass es auch Sozialstandards gibt, bei welchen «andere Akteursgruppen, so zum Beispiel gesellschaftliche Interessenvertreter wie Nichtregierungsorganisationen, aktiv in die Entwicklung und Überwachung der Einhaltung des Standards einbezogen werden».Die Umwelt ist oft Teil der MindeststandardsHäufig wird zwischen Sozialstandards und Umweltstandards in Lieferketten unterschieden. Einige Standards machen diese Unterscheidung nicht und kombinieren die zwei Aspekte in eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsnorm. David Weiss erläutert: «Eine Trennung macht dann kaum Sinn, wenn die Schädigung der Umwelt auch direkt Auswirkungen auf die grundlegenden Rechte von Menschen haben.» Er verweist auf das Beispiel der Luftverschmutzung. Wenn eine Fabrik die Luft so verpestet, dass Arbeiter gesundheitliche Schäden erleiden, dann werden auch Mindeststandards am Arbeitsplatz verletzt.(Quelle Text: Kevin Meier, fokus.; Quelle Titelbild: unsplash, Arno Senoner)