Das Weltsozialforum neu erfinden

Politischer Artikel
Nach Abschluss des WSF in Montreal läuft der Reflexionsprozess, wie es mit der wichtigsten globalisierungskritischen Plattform weitergehen soll. Ein nächster Austragungsort ist noch nicht bekannt.

Nach Abschluss des 12. Weltsozialforums (WSF) – dem ersten im «entwickelten Norden» – läuft bereits der Reflexionsprozess und die Debatte zur Zukunft dieses Treffens, das sich in den letzten 15 Jahren zur wichtigsten Plattform der internationalen Zivilgesellschaft entwickelt hat. Umso mehr stellen sich auch Fragen zum aktuellen Zustand der globalisierungskritischen Bewegung und ihren Trägern, den sozialen Bewegungen.

«Die Atmosphäre in Montreal war anders als an vorangegangenen Foren: Es herrschte weder die grosse kulturelle Vielfalt von Mumbai 2004 (mit mehr als 80’000 Teilnehmenden, Anm.d.Red) noch die Dringlichkeit von Tunis 2013 (60’000 Teilnehmende) in einem Land mitten im Aufbruch des arabischen Frühlings», stellt Andrea Tognina, Mitglied im Kommunikationsteam der Gewerkschaft UNIA, fest. Die grösste Schweizer Gewerkschaft war mit einer zwölfköpfigen Delegation vor Ort. Die Durchführung eines WSF in einem industrialisierten Land ermögliche es aber, sichtbar zu machen, dass die Probleme des herrschenden Wirtschaftssystems nicht nur den Süden treffen, sondern global sind, betont Tognina. Nicht zu unterschätzen sei auch die Präsenz vieler junger Menschen aus Kanada und Nordamerika sowie das intensive Engagement von Hunderten von Freiwilligen, die zu einer fast perfekten Organisation beitrugen.

Lob für Organisation und Methodik

Auch Markus Brun, Programmverantwortlicher beim Fastenopfer und Mitglied des Internationalen WSF-Rates, spricht von der «ersten WSF-Ausgabe ohne organisatorische Probleme». Bereits eine Woche vor dem Start sei ein Programm mit allen Aktivitäten im Umlauf gewesen.«„Dies ist eine enorme logistische und organisatorische Leistung.» Brun anerkennt nicht nur das gute Funktionieren des Anlasses, sondern auch die Methodologie mit Workshops, zusammenführenden Konferenzen und der abschliessenden Agora der Initiativen für eine bessere Welt vom 13. August. Diese Versammlung ermöglichte eine Zusammenfassung von Vorschlägen und Terminen für künftige Mobilisierungen. Als positiv erachtet Brun auch die Rückkehr des Forums zu zentralen thematischen Konferenzen, die in den ersten WSF-Ausgaben auf viel Zuspruch gestossen waren. «Die Konferenz über Steuerparadiese zum Beispiel platzte aus allen Nähten.»
Es stellt sich also die Frage: Hervorragende Organisation versus massive Beteiligung? «Das ist eine Kernfrage», sagt Brun, der an fast allen Foren teilgenommen hat. «Es ist offensichtlich, dass die restriktive Visapolitik Kanadas eine grössere Beteiligung von Vertretungen aus afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern verhindert hat.» Laut verschiedenen Quellen stammten nicht mehr als 1000 Personen aus Ländern des Südens, also ein minimaler Anteil an den insgesamt 35'000 Teilnehmenden. Dies bereitete dem Organisationskollektiv einiges Kopfzerbrechen, obwohl es alles Mögliche unternahm, um die Hürden der Migrationsbehörden zu überwinden. Auch bei den Delegationen, insbesondere denjenigen aus Lateinamerika und Afrika, war die Entrüstung gross. Es gab auch selbstkritische Stimmen von Delegierten aus Afrika, die bedauerten, nicht zu einem offenen Boykott gegen die Reise nach Kanada aufgerufen zu haben.

Visapolitik zum Thema gemacht

Für Carminda Mac Lorin vom Organisationskollektiv war es dennoch «ein sehr positives und wichtiges Weltsozialforum», wie sie in einem Telefongespräch erklärte. «Obwohl wir mit den Visa ein grosses Problem hatten, was traurig und schmerzlich war, wurde dieses Thema dadurch sichtbar gemacht. Es ist uns gelungen, in der öffentlichen Debatte national und international die Folgen der dramatischen Reisebeschränkungen, die eine fundamentale Freiheit des Menschen angreifen, aufzuzeigen.»
Für Mac Lorin ist die Präsenz von mehr als 35'000 Teilnehmenden aus 125 Ländern als Erfolg zu werten. «Es sei daran erinnert, dass Kanada nur 36 Millionen Einwohner zählt. Proportional zur Bevölkerungszahl ist die Mobilisierung bedeutend» dies auch im Vergleich zu den «Massen-Foren» in Brasilien, einem Land der Grösse eines Kontinentes mit fast 200 Millionen Einwohnern.
Zu den positivsten Aspekten gehört für Mac Lorin, «dass wir es geschafft haben, die Bedeutung der internationalen Solidarität Nord-Süd-Nord zu bekräftigen. Es war offensichtlich, dass diese Solidarität für die Menschen am Forum ein Schlüsselwert ist.» Weiter hebt die Mitorganisatorin die Durchmischung der Generationen und verschiedener politischer Kulturen hervor. Zudem hätten sich an der Eröffnungskundgebung vom 9. August zahlreiche Kunstschaffende beteiligt.

Inbezug auf die Zukunft «bleiben zahlreiche Herausforderungen für die globalisierungskritische Bewegung, obwohl ich den Eindruck habe, dass etwas Neues und Frisches entsteht. Hoffentlich kann Montreal diese internationale Dynamik inspirieren, erneuern und verstärken», betont Carminda Mac Lorin. Es sei eine weltweite Herausforderung, «auf Plattformen und Räume zählen zu können, in denen sich Menschen, Bewegungen, Netzwerke und Kampagnen begegnen und austauschen können.»

«Uns bleibt die Gewissheit, dass es mit Beharrlichkeit und Geduld möglich war, ein WSF durchzuführen, dass am Anfang unwahrscheinlich schien und für das wir über sehr knappe Mittel verfügten. Es war ein riesiges Unterfangen, und wir haben es geschafft. Wir glauben an den Wandel und den aktiven Einbezug aller. Es ist an uns allen, uns die soziale Macht anzueignen, die der weltweiten Zivilgesellschaft und ihren Bewegungen gehört.»

Zu einer nächsten Ausgabe des Weltsozialforums ist noch alles offen. Laut Mac Lorin liegt derzeit kein Vorschlag oder Kandidatur auf dem Tisch.

von Sergio Ferrari, Mitarbeit Pressedienst UNITE, Schweizer Verband der Personellen Entwicklungszusammenarbeit
Übersetzung: Theodora Peter