Den Orkan mit dem Fächer besiegen

Sami Tchak, Pseudonym von Sadamba Tcha-Koura (1960), ist ein togolesischer Schriftsteller, der an der Universität von Lomé Philosophie studiert hat.
7.12.2021
Artikel global
In seinen Büchern über den afrikanischen Kontinent und die Länder Lateinamerikas thematisiert Sami Tchak unter anderem den Kampf gegen die Armut, die moderne Sklaverei und Prostitution. Interview von Lavinia Sommaruga.

global: Sie sind der Autor eines Artikels in einem neuen, auf Italienisch erschienenen Band, der die Geschichte Afrikas jenseits von Stereotypen erzählt . In Ihrem Beitrag reflektieren Sie den Zusammenhang zwischen Sprache und Literatur und konzentrieren sich auf ein zentrales Thema in den Beziehungen zwischen Europa und dem afrikanischen Kontinent: die Kolonisierung. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

Sami Tchak: Ich gehe in meiner Untersuchung von der Vorstellung aus, dass Literatur aus der Mitte eines Volkes und in der vorherrschenden Sprache oder einer der Sprachen der Bevölkerung entsteht. Die afrikanische Literatur, wie wir sie heute kennen, entstand jedoch hauptsächlich aus den europäischen Sprachen, den Sprachen der Kolonisatoren. Es existieren zwar auch Schriften in afrikanischen Sprachen, doch sind sie international und selbst national kaum bekannt. Die Problematik, die ich sehe, ist dass sich unsere Literatur zu stark zum Ausland hin orientiert und kaum lokal verwurzelt ist.

Könnte man denn sagen, dass die koloniale Vergangenheit für den afrikanischen Kontinent mit seiner grossen Vielfalt das einigende Merkmal ist?
Die koloniale Vergangenheit ist nicht das verbindende Element für die afrikanischen Traditionen, denn diese Zivilisationen, Gesellschaften und Sprachen unterhielten schon lange vor der Ankunft der Kolonisatoren Beziehungen untereinander. Was diese unterschiedlichen Identitäten verbindet, ist das, was ich ihre Spiritualität nennen würde. Die Glaubensinhalte, die Verbindung der Lebenden mit den Toten – das alles ist ähnlich. Man könnte von der spirituellen kulturellen Einheit eines äusserst vielfältigen Kontinents sprechen. In meinen Romanen schildere ich meine menschlichen Eindrücke, die ich unter anderem in Lateinamerika gesammelt habe. Im Roman «Al Capone le Malien» zum Beispiel spreche ich über das alte Malireich, dem eine ähnliche Logik innewohnte wie allen alten Königreichen des afrikanischen Kontinents, also noch bevor der Kolonialismus zu einem «neuen» gemeinsamen Merkmal wurde. Oder besser gesagt: Die Gemeinsamkeit dieser so genannten kolonialen oder postkolonialen Staaten ist die westliche Logik, die ihnen aufgezwungen wurde.

Sie haben auch Lateinamerika besucht: Gibt es dort Gemeinsamkeiten mit der kolonialen Vergangenheit Afrikas?
Ja. Die erste Gemeinsamkeit stellen die afrikanischen Bevölkerungsgruppen dar, die auch durch die Sklaverei in diese Region gelangten. Sie bewahrten sich Elemente ihrer afrikanischen Ursprungskultur. Sie sprechen zwar nicht mehr die ursprünglichen Sprachen, haben aber Traditionen und Religionen wie Voodoo oder Candomblé beibehalten. Diese lateinamerikanischen Länder sind oft mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie afrikanische Staaten, beispielsweise mit Diktaturen.

Welche Probleme sollten Ihrer Meinung nach ganz oben auf der Agenda einer Lobby- und Advocacy-NGO wie Alliance Sud stehen, die sich seit 50 Jahren für die ärmsten Menschen im Süden einsetzt?
Das ist ein heikles Thema. Wenn wir über die ärmsten Menschen im Süden sprechen, blenden wir oft die systemische Komponente aus. Die Armut ist ein Resultat der heutigen Weltordnung und sie wird fortbestehen – egal, wie sehr wir uns bemühen –, solange sich die Gesellschaft nicht ändert. Allerdings ist dies nicht absehbar, da das kapitalistische System, so wie es derzeit funktioniert, diese Ungleichheiten und damit die Armut noch verstärkt. Dies bedeutet aber nicht, dass wir tatenlos zusehen sollten. In einem meiner Bücher vergleiche ich den Kampf gegen die Armut mit dem Versuch, einen Orkan mit einem Fächer zu besiegen. Für den Aussenstehenden mag dies aussichtslos erscheinen. Aber gerade weil es Menschen gibt, die daran glauben, einen Orkan mit einem Fächer besiegen zu können, kann sich die Welt verändern.

Und dies nur durch strukturelle Veränderungen?
Direkthilfe für die armen Menschen bringt nicht zwingend Veränderungen mit sich. Trotzdem müssen wir diesen Menschen dringend helfen! Doch der eigentliche Kampf besteht darin, die westlichen Länder zum Überdenken ihrer Beziehungen, zum Beispiel zu afrikanischen Ländern, zu bringen. Diese Beziehungen müssen gerechter ausgestaltet sein.

Können denn Verbände, Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen Druck auf Staaten (sowohl westliche als auch afrikanische) ausüben, um einen globalen Wandel herbeizuführen?
Ich weiss es nicht. Solange sich das System nicht ändert, wird es Armut hervorbringen. Das System braucht die Armut. Das heutige System funktioniert, weil es arme Menschen gibt. Wir beobachten auf der ganzen Welt die Entstehung eines Phänomens, das ich «Wegwerfarbeit» nenne. Der Ausdruck wird zum Beispiel in Kolumbien verwendet – ich schreibe in einem meiner Romane mit dem Titel «Filles de Mexico» darüber. Er bezieht sich auf arme, versklavte Menschen, die austauschbar sind. Das heisst, sie können von überall auf der Welt kommen, um überall ausgebeutet zu werden. Die neuen Armen sind sogar bereit, für ihre Ausbeutung zu bezahlen. Wenn Menschen dafür bezahlen, das Meer zu überqueren, dann bezahlen sie dafür, versklavt zu werden! Solange sich die Beziehungen zwischen den Staaten also nicht ändern, können die bekannten Probleme nicht gelöst werden. Die Veränderungen müssen in der nationalen und internationalen Politik, in der weltweiten Geopolitik stattfinden.