Den Hebel am falschen Ort angesetzt

Adivasi-Frauen pflanzen Reis im indischen Bundesstaat Jharkhand.
Artikel global
Die Partnerschaft zwischen staatlichen Entwicklungsagenturen und privaten Firmen in sogenannten Public-Private Development Partnerships (PPDP) gilt als Entwicklungsmodell der Zukunft. Doch Mikroversicherungen zäumen das Pferd am Schwanz auf.

Seit mehreren Jahren führt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft Projekte zum Aufbau einer landwirtschaftlichen Mikroversicherung in Entwicklungsländern durch. Ziel dieser Projekte ist es, Kleinbauern mit einem Einkommen von weniger als 4 US-Dollar pro Tag gegen Ernteausfälle durch Dürren, Überschwemmungen und Stürme abzusichern. Dies ist Teil der 2012 gestarteten Initiative "Sustainable Insurance Principle" des Uno-Umweltprogramms (UNEP), die darauf abzielt, gefährdete  Bevölkerungsgruppen widerstandsfähiger gegen Naturkatastrophen zu machen, die aufgrund des Klimawandels zunehmen. Für UNEP gilt dabei das Modell der öffentlich-privaten Entwicklungshilfe-Partnerschaft (PPDP) als der beste Ansatz. Die Frage ist: Entspricht diese Art von landwirtschaftlicher Mikroversicherung wirklich den Bedürfnissen der Bevölkerung? Während sich Fachleute über diese Frage streiten, lässt sich klar festhalten, wer sicher von Versicherungs-PPDP profitiert: Die im globalen Norden angesiedelten Versicherungskonzerne. Und es erlaubt der Schweiz sich zu rühmen, sie setze ein Ziel der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung um, wonach Regierungen und Privatsektor enger zusammenarbeiten sollen.

Mikroversicherungen für Wachstumsmärkte

Mikroversicherungssysteme wie etwa das von Deza und der Swiss Re unterstützte RIICE (siehe Kasten) gehen vom  Ansatz aus, dass gefährdete Bevölkerungsgruppen widerstandsfähiger gemacht werden, indem Naturkatastrophen durch Risikomanagement und -transfer besser bewältigt werden können. Kleinbauern werden im grossen Stil zu Versicherungskunden, die ihre Prämien zahlen, wobei im untersuchten Fall RIICE zwischen 50 und 100% der Prämie in der Regel vom Staat subventioniert wird. PPDPs wie dieses ermöglichen es Versicherern, sich mit Hilfe von Regierungen in neuen Märkten mit hohen Wachstumsraten zu positionieren. Es ist ein Markt, der 4 Milliarden Menschen umfasst, wo derzeit aber erst rund 3% seines geschätzten Potenzials ausgeschöpft werden. Und die Wachstumsraten in diesem Markt sind enorm: Bei der Munich Re betrug sie in Südasien und Ozeanien zwischen 2010 und 2012 durchschnittlich 40%. 

In diesem Kontext stellt sich auch die Frage der Klimagerechtigkeit. Wie ethisch ist es, dass ausgerechnet jene Bevölkerungen bzw. die am wenigsten für den Klimawandel verantwortlichen Staaten, ihre Widerstandsfähigkeit gegen heraufziehende Katastrophen selbst finanzieren müssen?

Was lässt sich noch versichern?

Die Studien des Weltklimarats (IPCC) zeigen, dass ein Temperaturanstieg von 2°C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu einer signifikanten Zunahme von Naturkatastrophen führen wird. Dieser Anstieg wird gemäss IPCC zu einem Anstieg der Versicherungsprämien führen, bestimmte Risiken werden neu  bewertet werden und gewisse Risiken werden schliesslich als nicht (mehr) versicherbar eingeschätzt werden. So wie wir es von der zivilen Atomtechnologie her kennen.   

Die für die Weltwirtschaft mit der Klimakrise verbundenen Kosten sind bereits heute spürbar. Die wirtschaftlichen Schäden durch Naturkatastrophen sind seit 1990 um durchschnittlich 5,9% pro Jahr gestiegen und erreichten 2017 0,5% des Welt-BIP. Speziell betroffen von den Folgen des Klimawandels sind Landwirte in den Entwicklungsländern. Letztes Jahr fanden in Indien mehrere Grossdemonstrationen statt, in denen Bäuerinnen und Bauern auf ihre oft dramatische Situation aufgrund wachsender Schulden aufmerksam machten.

Steigen die Versicherungsprämien oder werden die Wetterrisiken nicht mehr versicherbar, konfrontiert das Entwicklungsländer mit nach wie vor dominantem Landwirtschaftssektor mit enormen Herausforderungen und Problemen. Umso wichtiger ist es, dass wenn Kleinbauern heute via PPDP mit neuen Mikroversicherungen unterstützt werden, diese vor allem jenen Projekten zugutekommen sollten, die den von Menschen gemachten Klimawandel verringern helfen und die Menschen bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen. Konkret sollten widerstandsfähige landwirtschaftliche Techniken mit geringeren Auswirkungen auf das Klima entwickelt werden.

Das Übel nicht an der Wurzel gepackt

Landwirtschaftliche Mikroversicherungen bieten zwar eine finanzielle Lösung gegen die Risiken von Naturkatastrophen, sie versäumen es jedoch, den eigentlichen Ursachen der Verletzlichkeit der Menschen auf den Grund zu gehen. Studien zeigen, dass ländliche Bevölkerungen dort am verletzlichsten sind, wo sich die Katastrophenrisiken durch Naturgefahren mit strukturellen Problemen überschneiden, wie mangelhaften Institutionen oder der Ungleichheit beim Zugang zu Ressourcen. Um die Verletzlichkeit ganzer Bevölkerungsgruppen wirksam zu bekämpfen und zu überwinden, müssen darum wirtschaftliche, soziale und politische Ursachen in die Analyse einbezogen werden. Auch bekannt ist, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen der verletzlichsten Bevölkerungsgruppen für Regierungen oft untergeordnete Priorität hat. Und dass marginalisierte Bevölkerungsgruppen dazu tendieren, das Vertrauen in ihre Fähigkeit, sich selbst zu schützen, zu verlieren.
Anpassungsprojekte an den Klimawandel sollten darum nicht nur aus unmittelbar finanzieller Sicht – hier die Versicherung gegen Ernteausfällen – betrachtet werden, sondern auch soziale und politische Aspekte berücksichtigen

Ernteverluste nur ein Teil des Problems

Die Auswirkungen des anhaltenden Klimawandels beschränken sich nicht nur auf Ernteausfälle. Ganze Bevölkerungsgruppen müssen ihre Häuser aufgrund von Wasserknappheit, Dürre, steigendem Meeresspiegel oder zunehmenden Naturkatastrophen verlassen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass es bis 2050 zwischen 200 Millionen und 1 Milliarde KlimamigrantInnen geben wird.  Diese Bevölkerungsbewegungen von beispiellosem Ausmass werden unweigerlich zu geopolitischen Spannungen führen. Umso wichtiger ist es, dass die Investitionen von Entwicklungsorganisationen in die Widerstandskraft bedrohter Bevölkerungsgruppen den komplexen Herausforderungen gerecht werden; was Not tut ist ein umfassender und abgestimmter Ansatz auf allen Ebenen der Gouvernanz.

 

So funktioniert RIICE

RIICE steht für Remote sensing-based information and insurance for crops in emerging economies, ein Mikroversicherungsangebot für einkommensschwache Reisbauern in Südostasien, das deren Risiko von Ernteausfällen vermeiden soll. Partner der Deza sind neben Swiss Re u.a. das Schweizer Unternehmen Sarmap, das Satellitenbilder analysiert und zur Verfügung stellt.
Die Mikroversicherung basiert auf Referenzindizes für die landwirtschaftliche Produktion wie Niederschlag, Wasserstand oder Windgeschwindigkeit. Werden bestimmte Schwellenwerte überschritten, gilt das als Schadensfall und es wird eine Entschädigung gezahlt. Diese Methode reduziert die Versicherungskosten erheblich und soll Versicherungen für die ärmsten Landbevölkerungen zugänglich machen.
DH

 

Michael Haegler, der Autor dieses Artikels,  hat im Rahmen eines CAS in nachhaltiger Entwicklung an der Universität Genf zu landwirtschaftlichen Mikrokrediten gearbeitet. Micro-assurances agricoles : des enjeux de résilience et de profits, 2018.