Noble Absichten, verkürzte Sicht

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Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer, die diesjährigen TrägerInnen des Wirtschaftsnobelpreises, entbinden mit ihren Konzepten die Industrieländer von jeglicher politischen Verantwortung.

Dieses Jahr teilen sich Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer den prestigeträchtigen Wirtschaftsnobelpreis. Ihre Forschung zeigt, dass gut gemachte Entwicklungszusammenarbeit Armut und Not erfolgreich zu bekämpfen vermag. Banerjee und Duflo betonen in ihrem bekannten Buch “Poor Economics”, dass es dafür keine abstrakten Theorien und erst recht keine vermeintlich allgemeingültigen Patentrezepte braucht. Verlangt ist vielmehr eine genaue Kenntnis der konkreten Lebenssituation und der kulturell geprägten Präferenzen der Armutsbetroffenen.

Richtig und wichtig ist die Forderung der drei PreisträgerInnen, die Entwicklungszusammenarbeit müsse ihre Aktivitäten immer wieder kritisch überprüfen und kontinuierlich verbessern. Ihre Präferenz für experimentelle Wirkungsanalysen ist allerdings moralisch problematisch. Werden zufällig ausgewählte Kontrollgruppen miteinander verglichen (randomized controlled trials, RCT), so schliesst man die zufällig ausgewählten Personen bewusst von Entwicklungsprojekten aus und misst, ob es ihnen nach der Testphase schlechter geht. Ausserdem ist methodologisch umstritten, ob sich die Ergebnisse solcher Experimente beliebig auf andere gesellschaftliche Kontexte übertragen lassen. Die Gefahr ist, dass Geld, das sonst direkt der Armutsbekämpfung zugutekäme, in aufwändige Vergleichsstudien fliesst, deren Befunde anderswo dann doch nicht gelten.

Auf die Frage, wie die langfristige gesellschaftliche und politische Wirkung von Entwicklungsprogrammen gemessen werden kann, die zur Selbstermächtigung der Partner beitragen, geben die sogenannten „Randomistas“ keine befriedigende Antwort. Sie konzentrieren sich in ihrer Forschung auf Projekte, die rasche Resultate produzieren oder bestenfalls mittelfristig wirken. Dauerhafte systemische Veränderungen, die überhaupt erst die Bezeichnung „Entwicklung“ verdienen, kommen darin klar zu kurz.

Vor allem aber entbinden die drei ForscherInnen die Industrieländer von jeglicher politischen Verantwortung. Sie suggerieren, effiziente Entwicklungszusammenarbeit könnte ohne weiteres Zutun die Welt retten. Eine nachhaltige globale Entwicklung im Sinne der UNO-Agenda 2030 verlangt aber von den Industrieländern nicht nur wirksame und ausreichend finanzierte Entwicklungszusammenarbeit, sondern auch eine gerechte Handelspolitik, beherzte Schritte gegen den Klimawandel und griffige Massnahmen gegen die Gewinnverschiebungen und Steuervermeidungspraktiken multinationaler Konzerne.