Es braucht neue Räume für demokratische Debatten

Im Bild: Pierre Flatt, Leiter von InfoDoc
 
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Alliance Sud sieht sich aufgrund von finanziellen Herausforderungen gezwungen, ihren Fokus auf die entwicklungspolitische Arbeit zu legen. Für InfoDoc, die Dokumentationsstelle von Alliance Sud in Bern und Lausanne, geht damit eine Reise zu Ende.

Der Vorstand von Alliance Sud hat Ende Juni beschlossen, dass InfoDoc ab Oktober 2021 nicht mehr weitergeführt werden kann. Wann und wie ist InfoDoc entstanden?

Pierre Flatt: Angefangen hat es 1971 in Bern unter dem Namen i3w (Informationsdienst Dritte Welt), dann folgte 10 Jahre später Lausanne (i3m, Service d'Information Tiers-monde). Wohlgemerkt, damals stand die Information im Zentrum des Projekts. Die Lobbyorganisation entwickelte sich dann allmählich in den Folgejahren.

Wie ergänzte die Arbeit von InfoDoc die Lobbyarbeit?

Es gibt mehrere grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Tätigkeitsbereichen. Zunächst zur Informationsproduktion: Die Lobbyabteilung erstellt Analysen, Positionspapiere und wendet sich vor allem an die Politik und die Bundesverwaltung mit dem Ziel, die Schweizer Politik zugunsten der Länder des Südens zu beeinflussen. Die Arbeit von InfoDoc hingegen besteht darin, der interessierten Öffentlichkeit dokumentarische Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, die die globalen Verflechtungen beleuchten. In diesem Sinn ist die «Produktion» von InfoDoc das Ergebnis der Auswahl, Zusammenführung und Verknüpfung vorhandener Informationen. InfoDoc kommuniziert nicht, sondern gibt ihrem Publikum die Mittel in die Hand, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ein zweiter gewichtiger Unterschied zwischen der Arbeit dieser beiden Bereiche ist die zeitliche Komponente. Während sich der Arbeitsrhythmus unserer Kolleginnen und Kollegen des Politikbereichs an den Legislaturperioden ausrichtet, hat die Arbeit von InfoDoc keine spezifische zeitliche Perspektive.

InfoDoc hat stets ihre Nähe zur journalistischen Arbeit betont. Worin besteht diese Nähe?

InfoDoc teilte sich mehrere Jahre lang die Büroräume mit der Nachrichtenagentur InfoSud (die ursprünglich ebenfalls zu Alliance Sud gehörte). Der Informationsaustausch zwischen JournalistInnen und DokumentalistInnen hat die Arbeit der beiden Teams über Jahre hinweg belebt. Wir DokumentalistInnen sehen uns als Vermittler von aktuellen Themen, wobei wir zwischen der Produktion, also den Journalistinnen und Journalisten und der Öffentlichkeit sitzen. Wir sind überzeugt davon, dass diese Arbeit zur Stärkung der Demokratie beiträgt und dass unsere Perspektive insofern besonders ist, als die der lesenden Person gebotene Sicht einerseits auf der täglichen Beobachtung des Weltgeschehens beruht und andererseits durch die Vielfalt der Quellen und Standpunkte eine langfristige Komponente erhält, die es ermöglicht, die Komplexität der Welt zu relativieren und ihre Zusammenhänge zu erkennen.

Wie beurteilst Du die Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit aus Deiner Sicht als Dokumentalist? Was hat sich verändert?

Anfang der 2000er Jahre erhielt InfoDoc im Rahmen einer Vereinbarung mit der DEZA den Auftrag, der Öffentlichkeit Informationen und Dokumentationen zu den Beziehungen zwischen der Schweiz und dem globalen Süden bereitzustellen, was mit einem jährlichen Beitrag an die Dokumentationszentren entschädigt wurde. Während 20 Jahren hatte dieser Beitrag Bestand; er wurde 2021 eingestellt. Der Ton ist heute ein ganz anderer.

20 Jahre Deines Berufslebens hast du bei Alliance Sud InfoDoc verbracht. Welche Auswirkungen hat das Internet auf die tägliche Informationsarbeit von InfoDoc?

Ich wurde 2001 eingestellt, in einer Zeit, in der das Internet immer populärer und einfacher zugänglich wurde. Als DokumentalistInnen konzentrieren wir uns sowohl auf den Inhalt als auch auf das Gefäss oder den Kanal der Informationsübermittlung. Diese Differenzierung ist wichtig, da die Medien den Zugang zu Informationen steuern. Im Bewusstsein der Herausforderungen, die die «Internet-Revolution» mit sich bringt, haben die DokumentalistInnen alles daran gesetzt, ihre kontinuierliche Informationsarbeit aufzuwerten: Eine Datenbank mit Referenzseiten, eine Videodatenbank, ein Online-Bibliothekskatalog, Online-Artikel, usw. Die Veränderungen führten zu einem zweigleisigen Ansatz: Online-Arbeit und lokale Präsenz in Form des dritten Ortes.

Kannst Du erklären, was es mit dem dritten Ort auf sich hat?

Das Konzept des dritten Ortes verdanken wir dem US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Er benutzte diesen Ausdruck, um Orte zu beschreiben, an denen sich Menschen treffen und austauschen können. Ursprünglich ging es darum, die Auswirkungen der Verstädterung auf das menschliche Verhalten und die Formen der Geselligkeit zu untersuchen. Ray Oldenburg sieht den dritten Ort als Raum neben dem Zuhause und der Arbeit, als neutralen und diskriminierungsfreien Ort der Begegnung und des Austausches.
Im Jahr 2014 hat InfoDoc ihre Räumlichkeiten in Bern und Lausanne zur Konkretisierung ihres Konzepts umgebaut und gleichzeitig einen jährlichen thematischen Veranstaltungszyklus ins Leben gerufen. Durch diese öffentlichkeitsnahe Arbeit konnten wir nach und nach eine treue Anhängerschaft gewinnen. Ausserdem entstanden Synergien mit anderen lokalen Akteuren wie zum Beispiel anderen soziokulturellen Zentren.

Wie gross ist Deiner Meinung nach der Bedarf an Informationsräumen und Diskussionsplattformen wie InfoDoc heute?

In ihrer April-Ausgabe veröffentlichte die Zeitschrift Le Monde diplomatique einen Artikel von Anne-Cécile Robert mit dem vielsagenden Titel «Disparition de l'espace du débat». Indem sie einen direkten Zusammenhang zwischen Information und Demokratie herstellt, stellt die Autorin fest, dass «die Diskussionsräume von einem immerwährenden Geschwafel verdrängt werden, das an der Oberfläche der Dinge bleibt». Die Allgegenwart des Bildschirms in fast allen menschlichen Interaktionen heute, und erst recht seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie, spricht für eine Rückkehr zur direkten Interaktion, zu spontanen Begegnungen und Entdeckungen. Es scheint, als ginge die Entmaterialisierung von Informationen Hand in Hand mit einem wachsenden Bedürfnis nach physischer Begegnung.