Haiti / Jakob Hilgert... [et al.]

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Für seine Unabhängigkeit im Jahr 1804 musste Haiti 150 Millionen Francs Reparationszahlungen an Frankreich leisten, als Bedingung der ehemaligen Kolonialmacht für die Wiederaufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen. Erst 1947 sollten diese Schulden abgegolten sein. Auch bei der US-amerikanischen Besatzung Haitis, die vor 100 Jahren am 28. Juli 1915 begann, spielten Schulden eine Rolle. Die sogenannte „Dollar-Diplomatie“ unter US-Präsident William Howard Taft (1909-1913) hatte eine grosszügige Kreditvergabe in der Region gefördert, wohl auch, um aus Haiti die imperialistische Konkurrenz des Deutschen Reichs zu verdrängen, das in der Karibik mit Handelsniederlassungen und Kanonenbooten präsent war. Doch dann bekamen US-amerikanische Banker kalte Füße, fürchteten um die Rückzahlung ihrer Kredite. Eine militärische Expedition holte sich das Geld – eine halbe Million US-Dollar – kurzerhand aus dem Tresor der haitianischen Nationalbank zurück. Das war im Dezember 1914.

Die US-Besatzung Haitis dauerte bis 1934 an und hinterliess ein anderes Land: Die Plantagenökonomie wurde restauriert, eine neue Verfassung geschrieben, Landbesitz für Ausländer wieder zugelassen, Infrastruktur und Institutionen zentralisiert. Gleichzeitig wurde der Widerstand aus der Bevölkerung brutal niedergeschlagen, renitente HaitianerInnen mussten Zwangsarbeit leisten. Viele aktuelle strukturelle Probleme des Landes sowie die andauernde Abhängigkeit haben in dieser Zeit ihren Ursprung.

Mit der US-Besatzung begann auch eine Auswanderung grösseren Massstabs. Heutzutage lebt ein Drittel der haitianischen Bevölkerung außerhalb des Landes – die grössten Communities gibt es in den USA, in Kanada, Frankreich und der Dominikanischen Republik. Nach dem Erdbeben vom Januar 2010 gingen HaitianerInnen auch verstärkt nach Brasilien. [Auszug Editorial]