Meinungsmonitor Entwicklungspolitik 2019 : Medien, Mediennutzung und Berichterstattung zu weltweiter Armut / Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (DEval)

Electronic document
"ZUSAMMENFASSUNG
Entwicklungspolitisch relevante Themen erfahren in den letzten Jahren und aktuell große öffentliche Aufmerksamkeit.
Zu nennen sind unter anderem die globalen Herausforderungen Krieg und Konflikt, Klima und
Klimawandel sowie Flucht und Migration. Entwicklungszusammenarbeit (EZ) wird in diesem Zusammenhang
als mögliche Intervention angeführt, um die Nachwirkungen von Kriegen und Konflikten einzudämmen,
den Klimawandel zu bremsen sowie globale Ungleichheiten zu verringern und so ein nachhaltiges
Wirtschaften auf der ganzen Welt zu ermöglichen. Die Agenda 2030 und die darin verwurzelten 17 Ziele für
nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) betonen im Besonderen die Rolle der Bürgerinnen
und Bürger und deren Beitrag zu einer nachhaltigen globalen Entwicklung. Gleichzeitig ist die Bevölkerung
wenig informiert über das Themenfeld, weite Teile halten EZ für ineffektiv und haben Korruptionsvermutungen
in sogenannten Empfängerländern.
Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, den Bürgerinnen und Bürgern Informationen zu diesem Themenfeld
zur Verfügung zu stellen. Medien sind hier der reichweitenstärkste Informationskanal. Sie haben das
Potenzial, weite Teile der Bevölkerung zu erreichen und so Wissenslücken und Fehlwahrnehmungen zu adressieren.
Hier setzt der Meinungsmonitor Entwicklungspolitik 2019 – Medien, Mediennutzung und Berichterstattung
zu weltweiter Armut an. In dieser Studie wird untersucht, welche Medien die Bevölkerung nutzt, inwieweit
sie diesen und den Sendern von entwicklungspolitischen Informationen vertraut (z. B. Bundesregierung
oder Entwicklungsorganisationen) und in welchem Maß sie über die Medien in Kontakt mit dem für die
Entwicklungspolitik zentralen Thema „weltweite Armut“ kommt. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen,
wie die mediale Berichterstattung zu weltweiter Armut wahrgenommen wird. Die Befunde der Studie
sollen dazu beitragen, dass entwicklungspolitische Akteure evidenzbasierte Informationen in Bezug auf
Ziele, Maßnahmen und Wirkungen der Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit erhalten,
aber auch ihre Herausforderungen effektiver und bedarfsgerechter an die Bevölkerung vermitteln können.
Bisherige Studien widmeten sich jeweils lediglich Teilaspekten dieses – inhaltlich stark verbundenen – Themenkomplexes.
Der Meinungsmonitor Entwicklungspolitik 2019 – Medien, Mediennutzung und Berichterstattung
zu weltweiter Armut ist die erste Studie, die Mediennutzung, Medienwahrnehmung und Wahrnehmung
entwicklungspolitisch relevanter Inhalte innerhalb einer Studie im Zusammenhang analysiert.
Die zentralen Ergebnisse der Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Quellen für internationale Nachrichten: Fast 70 % der Bürgerinnen und Bürger stimmen der Aussage zu,
mindestens einmal pro Tag aktiv Nachrichten zu internationalen Ereignissen zu lesen, zu sehen oder zu hören.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen (56 %), Zeitungen (45 %) und das Radio (40 %) sind dabei die
Hauptinformationsquellen. Es folgen private Fernsehsender und internetbasierte Medien. Soziale Medien
spielen insbesondere für junge Erwachsene eine wichtige Rolle. Knapp 30 % der 18- bis 29-Jährigen geben
sie als eine hauptsächliche Informationsquelle für internationale Nachrichten an. Demgegenüber greifen
die älteren Bevölkerungsgruppen (40 bis 59 Jahre sowie 60 Jahre und älter) häufiger auf klassische redaktionelle
Medien zurück. Auch entlang der politischen Orientierung sind Unterschiede in der Mediennutzung
erkennbar. Personen, die sich politisch weiter rechts verorten, nutzen häufiger soziale Medien und weniger
das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Hauptquelle für diese Nachrichtenart.
Vertrauen in die Medien: Generell vertraut die Bevölkerung den Medien – nur knapp über 10 % haben niedriges
Vertrauen in das mediale Gesamtangebot. Es zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede: Personen,
die sich politisch rechts verorten, zweifeln stärker an der Vertrauenswürdigkeit der Medien. Zudem differenziert
die Bevölkerung zwischen den verschiedenen Medien. Während beispielsweise den öffentlichrechtlichen
Fernsehsendern hohes Vertrauen entgegengebracht wird, haben andere Medienformate, zum
Beispiel Twitter oder Boulevardzeitungen wie Bild, diesbezüglich ein Defizit. Ebenso stellt Vertrauen eine
übergreifende Herausforderung dar. Während große Teile der Bevölkerung den Medien vertrauen, wird Sendern
entwicklungspolitischer Botschaften (z. B. Bundesregierung, Nichtregierungsorganisationen) weniger
Zusammenfassung | vii
Vertrauen geschenkt. Auch hier zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen.
Personen, die sich politisch weiter rechts verorten, weisen durchschnittlich in allen Bereichen
niedrigeres Vertrauen auf.
Wahrnehmung der Berichterstattung zu weltweiter Armut: Rund 60 % der Bevölkerung geben an, mediale
Berichterstattung zum Thema „weltweite Armut“ wahrzunehmen. Nachrichten und Dokumentationen stellen
die hauptsächlichen Kontaktpunkte dar. Krieg und Konflikt, Flucht und Migration sowie Klimawandel
sind thematisch die häufigsten Berührungspunkte. Berichte zu entwicklungspolitischen Initiativen, Einkommensungleichheit
oder Geschlechtergleichstellung werden von der Bevölkerung hingegen kaum registriert.
Zudem nehmen Teile der Bevölkerung Entwicklungspolitik und Themen mit entwicklungspolitischem Bezug
als verzerrt dargestellt wahr. In Abhängigkeit vom jeweiligen Thema gilt das vor allem für Personen, die sich
politisch weiter rechts verorten.
Mediennutzung und -wahrnehmung verschiedener EZ-Einstellungstypen: Die vier im Meinungsmonitor Entwicklungspolitik
2018 ermittelten Einstellungstypen Unterstützende, Skeptiker, Gegner und Unschlüssige
zeichnen sich durch klar abgrenzbare Einstellungsmuster gegenüber Entwicklungspolitik und EZ aus. Die
Analysen im vorliegenden Bericht zeigen, dass sich die Einstellungstypen auch darin unterscheiden, welche
Medien sie nutzen und wie sie diese wahrnehmen. EZ-Unterstützende und EZ-Skeptiker sind aktive Mediennutzerinnen
und -nutzer. Beide Gruppen kommen häufig in Kontakt mit dem Themenfeld „weltweite Armut“.
Nachrichten und Dokumentationen sind die zentralen Informationsformate. EZ-Gegner sind hingegen
schwerer zu erreichen. Ihr eher geringes Vertrauen in die Medien ist eine Herausforderung. Auch EZUnschlüssige
finden ihre Meinung zu internationalen Fragen in den Medien nicht wieder. Die Darstellung
weltweiter Armut nehmen sie als verzerrt wahr. Alle vier Einstellungstypen kommen mit weltweiter Armut
hauptsächlich durch die Themen „Krieg und Konflikt“, „Flucht und Migration“ sowie „Klimawandel“ in Berührung.
Sie unterscheiden sich jedoch darin, wie häufig die einzelnen genannten Themen anteilig wahrgenommen
werden.
Implikationen: Die Studie schließt mit Implikationen für die entwicklungspolitische Kommunikations- und
Bildungsarbeit. Basis entwicklungspolitischer Kommunikation sollte es sein, die Bevölkerung mit relevanten
und evidenzbasierten Informationen zu erreichen, die als vertrauenswürdig empfunden werden. Gleichzeitig
sollte transparent und faktenbasiert über Erfolge wie Misserfolge der EZ berichtet werden, um nicht den
Anschein einer verzerrten Darstellung der entwicklungspolitischen Realität zu erwecken. Flankiert werden
könnte dies durch (entwicklungs-)politische Bildungsprogramme, die die Medienkompetenz der Bevölkerung
steigern sollen, sodass sie medial vermittelte Informationen angemessen bewerten kann. Angesichts
von Befunden aus der Psychologie und Kommunikationswissenschaft sollte zugleich das Potenzial der Kommunikation
mit besonders kritischen Gruppen realistisch eingeschätzt werden. So dürften Personen, die
Maßnahmen der EZ generell ablehnen oder in hohem Maße von ihrer Unwirksamkeit überzeugt sind, Informationsangebote
aus Perspektive ihrer gegenwärtigen Einstellung bewerten und – sofern sie nicht der eigenen
Meinung entsprechen – ablehnen.
Für eine zielgruppenorientierte und bedarfsgerechte Kommunikation entwicklungspolitischer Inhalte ist es
darüber hinaus notwendig, das Mediennutzungsverhalten unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen.
Besonders für junge Erwachsene sind soziale Medien ein wichtiger Informationskanal. Aufgrund
ihrer steigenden Relevanz sollten entsprechende Informationsangebote weiter ausgebaut werden.
Zudem sollten die Nutzung sozialer Medien sowie darin stattfindende öffentliche Diskussionen kontinuierlich
beobachtet werden. Die älteren Bevölkerungsgruppen, die stärker auf klassische redaktionelle Informationsangebote
(z. B. TV, Zeitung) zurückgreifen, dürfen aber gleichzeitig nicht vernachlässigt werden.
viii | Zusammenfassung
Zielgruppenspezifische Implikationen für EZ-Einstellungstypen
• Unterstützende: Diese Gruppe sieht die größten Möglichkeiten, mit eigenen Handlungen zu einer
global nachhaltigeren Welt beizutragen. Sie ist wahrscheinlich am offensten für eine intensive Auseinandersetzung
mit entwicklungspolitischen Fragestellungen und medial insgesamt gut erreichbar.
Dies macht sie auch zur primären Zielgruppe entwicklungspolitischer Bildung. Ziel sollte es sein, durch
einfache Einstiegspunkte für persönliches entwicklungspolitisches Engagement die Umsetzung positiver
Einstellungen in konkrete Handlungen zu unterstützen.
• Skeptiker: Diese Gruppe ist medial relativ gut zu erreichen. Kritik und Vorbehalte im Hinblick auf EZ
– beispielsweise die Vermutung hoher Korruption oder Ineffektivität und Ineffizienz – sollten transparent
adressiert und selbstkritisch diskutiert werden. Damit kann die Skepsis im Fall des Gelingens
entkräftet oder zumindest die Akzeptanz dafür gestärkt werden, dass ein gewisses Risiko (z. B. mit
Blick auf das Scheitern einzelner Projekte) Teil einer zielführenden EZ sein darf. Besonders gut könnte
dies erreicht werden, wenn Skeptiker über Angebote der entwicklungspolitischen Bildung mit niedrigen
Zugangshürden zu einer Auseinandersetzung mit der komplexen Realität der EZ bewegt werden
können.
• Gegner: Es stellt sich die Frage, ob dieser Einstellungstyp überhaupt in der Kommunikationsarbeit
aktiv adressiert werden oder es lediglich Ziel sein sollte, grobe Fehlwahrnehmungen richtigzustellen.
Die Gruppe ist nicht nur medial schwer zu erreichen. Angesichts ihres vergleichsweise hohen Misstrauens
gegenüber den Medien und den Sendern entwicklungspolitischer Informationen ist sie auch
schwer zu überzeugen. Ihre relativ starke Präsenz in sozialen Medien stellt die EZ vor die Herausforderung,
mit relevanten Informationen in entsprechende Filterblasen vorzudringen. Möglicherweise
bieten Influencer, die der EZ positiv gegenüberstehen und zugleich Zugang zu diesen Filterblasen haben,
einen Kommunikationsweg.
• Unschlüssige: Diese Gruppe ist medial etwas schwerer zu erreichen. Um EZ-Unschlüssige überhaupt
in Berührung mit grundlegenden entwicklungspolitischen Informationen zu bringen, könnte die kreative
Nutzung alternativer – auch eher auf Unterhaltung ausgerichteter – Medienangebote ein vielversprechender
Ansatz sein.
Trotz der Unterschiede in der Mediennutzung und den daraus abgeleiteten Implikationen sollten die Inhalte
entwicklungspolitischer Kommunikation nur mit Vorsicht spezifisch auf einzelne Zielgruppen zugeschnitten
werden. Es muss nämlich stets berücksichtigt werden, dass Medien nicht exklusiv von einzelnen
Zielgruppen konsumiert werden, sondern vermittelte Informationen potenziell größere Bevölkerungsteile
– also Personen mit unterschiedlichen (entwicklungs-)politischen Einstellungen – erreichen und somit
Wechsel- beziehungsweise Nebenwirkungen möglich sind. Kurz: Es besteht die Gefahr, dass eine auf ein
spezifisches Segment zugeschnittene Kommunikation negative Reaktionen in anderen Bevölkerungsgruppen
provoziert.
Dieser Bericht ist Teil der Reihe Meinungsmonitor Entwicklungspolitik. Er schließt an den Meinungsmonitor
Entwicklungspolitik 2018 an, in dem Einstellungen der Bevölkerung zu Entwicklungszusammenarbeit
und nachhaltiger Entwicklung untersucht wurden. Der Folgebericht Meinungsmonitor Entwicklungspolitik
2020 wird sich auf die Analyse von Medieninhalten und Medienwirkungen fokussieren" [Hrsg.]