Die Schweiz muss mehr für den globalen Süden tun

3.11.2022
Press release
Alliance Sud fordert, dass die Schweizer Delegation an der COP27 in Ägypten nicht nur zu einem ambitionierten Mitigationsprogramm beiträgt, sondern sich auch in Finanzierungsfragen für eine verstärkte Unterstützung des globalen Südens einsetzt.

Die Klimakrise führt zu unberechenbaren Extremereignissen wie Überschwemmungen, Dürre, Stürmen, lässt den Meeresspiegel ansteigen und die Gletscher schmelzen. «Immense Schäden wie zum Beispiel in Pakistan oder die Zunahme von Hunger und Mangelernährung in weiten Teilen Afrikas als Folge von Trockenheit zeigen, dass die Bekämpfung der globalen Klimaerwärmung an Dringlichkeit nicht zu überbieten ist», sagt Delia Berner, Klimaexpertin von Alliance Sud, dem Schweizer Kompetenzzentrum für internationale Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik. An der diesjährigen Konferenz der Vertragsparteien der UNO-Klimakonvention (COP27) vom 6.-18. November 2022 in Ägypten muss die Schweiz mithelfen, noch mehr auf die Bedürfnisse des globalen Südens einzugehen.

Weg von fossilen Energien und deren Subventionen
An der Klimakonferenz müssen die Anstrengungen zum Ausstieg aus fossilen Energien und zu einer raschen und fairen Umstellung bedeutend verstärkt werden, damit das Ziel einer maximalen Erwärmung um 1.5°C eingehalten werden kann. Aktuell wird ein Arbeitsprogramm zu Mitigation verhandelt, um in der Reduktion von Treibhausgasen schneller voranzukommen. «Das Mitigation Work Programme kann einen wichtigen Beitrag zur Erreichung des 1.5°C-Ziels leisten. Dazu muss in Ägypten die Chance genutzt werden, um den Ausstieg aus fossilen Energieträgern in sektoriellen Strategien festzuhalten, zusammen mit einem Fahrplan und klaren Verantwortlichkeiten», sagt David Knecht, Verantwortlicher für Energie und Klimagerechtigkeit bei Fastenaktion. Sektorielle Dekarbonisierung zum Beispiel im Energiesektor bedingt eine gezielte Strategie und eine transparente Berichterstattung. «Transparenz ist der Schlüssel für die erfolgreiche Umsetzung von klimapolitischen Zielen», ergänzt Knecht, der als Beobachter in Ägypten sein wird.

Die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Klimakrise darf sich keinesfalls auf ökologische Massnahmen beschränken. «Der ökologische Wandel muss gerecht und sozialverträglich sein», wie Cyrill Rogger von Solidar Suisse unterstreicht; «es ist allgemein bekannt, dass die Menschen in den ärmeren Weltregionen den höchsten Preis zahlen.»

Ungenügende Finanzierung des Nordens ist ein Knackpunkt für den Süden
Die COP27 muss wegweisend sein für eine verstärkte finanzielle Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Umsetzung ihres Beitrags zur klimaneutralen Welt sowie von dringend benötigten Anpassungsmassnahmen in ihren Ländern. Die Schweiz muss ihre finanzielle Unterstützung dringend ausbauen und sich in den Verhandlungen für ein stärkeres Engagement aller grossen Verursacher-Staaten einsetzen. Sonja Tschirren, Expertin für Klima und ökologische Landwirtschaft bei SWISSAID, erklärt: «Der Wohlstand, den wir uns in den letzten 200 Jahren erarbeitet haben, ging auch zulasten der Umwelt. Wir haben zusammen mit den anderen Industriestaaten die nie da gewesene Beschleunigung des Klimawandels verursacht, worunter die ärmsten Länder in exponierten Staaten bitter leiden. Ein proaktives Engagement der Schweiz, um diese Länder angemessen zu unterstützen, ist zwingend.»

Für die am meisten vom Klimawandel betroffenen Länder ist die Verhandlung über eine finanzielle Unterstützung für erlittene Schäden und Verluste besonders wichtig, zumal die Verursacher-Staaten sich bisher weigern, finanzielle Zusagen zu machen. Dabei ist es zentral, die Bedürfnisse dieser Länder auf Augenhöhe zu berücksichtigen. «Den Stimmen der Betroffenen muss bei der Erarbeitung von Lösungen Gehör verschafft werden», betont Christina Aebischer, die für Helvetas an der COP teilnimmt. Die Schweiz muss als konstruktive Brückenbauerin Konsenslösungen aktiv stützen.

Aber auch Schweizer Konzerne, die massgeblich zum Klimawandel beitragen, stehen in der Pflicht, findet Yvan Maillard Ardenti, Programmverantwortlicher für Klimagerechtigkeit bei Heks: «Nicht nur Staaten, sondern auch private Verursacher wie Konzerne sollten sich an einem Fonds für die Kompensierung von klimabedingten Schäden und Verlusten beteiligen».

Symptomatisch für die schlechte Zahlungsmoral der grossen EmittentInnen wie der Schweiz ist die Umsetzung des aktuellen Finanzierungsziels von 100 Milliarden Dollar ab 2020 pro Jahr für Mitigations- und Anpassungsmassnahmen in Entwicklungs- und Schwellenländern (die sogenannte ‘Klimafinanzierung’): Es wurde um mindestens 16.7 Milliarden Dollar verfehlt und zu 71% in Darlehen geleistet, die zurückbezahlt werden müssen bzw. sich als Schulden anhäufen. Auch die Schweiz kommt ihren Verpflichtungen nur unzureichend nach: Statt neue, zusätzliche Mittel bereitzustellen setzt sie dafür vorwiegend Gelder ein, die für die Entwicklungszusammenarbeit budgetiert waren. «Damit werden Klimaschutz und Armutsbekämpfung gegeneinander ausgespielt», kritisiert Angela Lindt von Caritas Schweiz.

Jetzt die Weichen für das nächste Finanzierungsziel stellen
In Ägypten werden Verhandlungen für ein nächstes Finanzierungsziel nach 2025 geführt. Auch wenn hier noch kein Durchbruch erwartet wird, muss die Schweiz sich dafür einsetzen, dass die Lehren aus dem Scheitern des jetzigen Ziels gezogen werden. «Die kollektive Verantwortung wird auch bei einem nächsten Finanzierungsziel scheitern, wenn dieses nicht verbindlicher vereinbart wird», befürchtet Delia Berner, Klimaexpertin von Alliance Sud. Es muss klar sein, wie sich der faire Anteil jedes Staats am gemeinsamen Ziel berechnen lässt, damit die nötige Gesamtsumme zustande kommt.

Für weitere Informationen:
Fastenaktion, David Knecht, Verantwortlicher für Energie und Klimagerechtigkeit,
Tel. 076 436 59 86, [email protected]
Solidar Suisse, Cyrill Rogger, Desk Officer Südosteuropa, Tel. 044 444 19 87, [email protected]
SWISSAID, Sonja Tschirren, Expertin für Klima und ökologische Landwirtschaft,
Tel. 079 363 54 36, [email protected]
Helvetas, Katrin Hafner, Coordinator Media Relations, Tel. 044 368 67 79, [email protected]
Heks, Yvan Maillard Ardenti, Programmverantwortlicher für Klimagerechtigkeit, Tel. 079 267 01 09, [email protected]
Caritas Schweiz, Angela Lindt, Leiterin Fachstelle Entwicklungspolitik, Tel. 041 419 23 95, [email protected]
Alliance Sud, Delia Berner, Klimaexpertin, Tel. 077 432 57 46, [email protected]

Side-Events während der COP27:
-    07.11.22: Climate Symposium von Caritas Schweiz zum Thema «The Role of International Development NGOs in Climate Change Adaptation», Hotel Bern in Bern. Der Anlass ist offen für interessierte Medienschaffende.
-    10.11.22: Side Event zu «Dealing with Losses and Damages», organisiert durch HELVETAS und Ministerium für Umwelt und Wasser Ecuador. 13:15 – 14:45 Cairo Time, Livestream auf Youtube, Link via www.helvetas.org/cop27

Zum Weiterlesen siehe auch das Faktenblatt von Alliance Sud zum Schweizer Beitrag an die internationale Klimafinanzierung