Nutztiere : Thema / [Red.] : Irmgard Kirchner

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Tiere haben die Geschichte und die Kulturen des Menschen geprägt. In den Industrieländern wurde der Großteil der Nutztiere im Laufe des letzten Jahrhunderts auf Massenschlachtvieh reduziert. Während der weltweite Fleischkonsum ökologisch und entwicklungspolitisch untragbar wird, zeichnet sich ein neuer Blick auf die Beziehungen zwischen Mensch und Tier ab. (...)

In Entwicklungsländern gehören Nutztiere zum Großteil der Haushalte in ländlichen und auch städtischen Gebieten. Meist sind es nur wenige Tiere, deren Haltung andere landwirtschaftliche Aktivitäten ergänzt oder die Ernährung verbessert. Das kann eine Handvoll Hühner im Hinterhof einer Großstadt sein oder eine Kleinherde von Ziegen, die mit Abfällen aus der Getreideernte gefüttert werden. Ähnliches kennt man hierzulande aus der jüngeren Geschichte. Man kann sich vielleicht noch an das Schwein, gefüttert mit Essensresten aus dem Sautrog, oder den Hasenstall hinter dem Haus erinnern.

Nutztiere tragen direkt zur Ernährungssicherheit bei. Sie verwandeln für den Menschen nicht essbare Vegetation und Erntereste, Nebenprodukte der Nahrungsmittelherstellung und organische Abfälle in menschliche Nahrung. Besonders in Trockengebieten, die etwa 40 Prozent der Erdoberfläche und 54 Prozent der produktiven Flächen ausmachen. Derartig nützliche Tiere werden nur selten geschlachtet. Selbst bei Hirtengemeinschaften wie etwa den ostafrikanischen Massai werden Milch und Blut der lebendigen Tiere verzehrt. Geschätzte 180 Millionen Menschen in Entwicklungsländern sind für ihren Lebensunterhalt von der Viehzucht abhängig.

Tierische Ausscheidungen dienen als Dünger und Brennstoff. Darüber hinaus haben die Nutztiere je nach Art und Region viele Rollen: Sie dienen als Zug- und Tragtiere, spenden Nahrung (Fleisch, Milch, Eier) und liefern Wolle und Felle. Der Besitz von Tieren stellte eine Art Versicherung dar und bedeutet auch immaterielle Vorteile. Er erhöht den Status und ermöglicht die Einbindung in soziale Netzwerke. Und die Menschen haben auch eine emotionale Bindung an ihre Tiere. Ein Hirte ist nie allein, nur fernab anderer Menschen.

Wenige Tiere, gehalten für die eigene Subsistenz: dafür muss kein wertvolles Ackerland geopfert werden, um Futter für die Tiere anzubauen. Damit ist auch kaum Geld zu verdienen: Man geht von weltweit 752 Millionen armen ViehzüchterInnen mit einem Einkommen von weniger als zwei Dollar pro Tag aus. Der Großteil von ihnen lebt in Südasien und Subsahara-Afrika. (...) [Auszüge Editorial]