Entwicklungspolitische Solidarität : die Dritte-Welt-Bewegung in der Schweiz zwischen Kritik und Politik (1975-1992) / Konrad J. Kuhn

Libro
Seit den 1970er Jahren engagierten sich zahlreiche Menschen in der Schweiz für die so genannte Dritte Welt und setzten sich für Benachteiligte in Afrika, Asien und Lateinamerika ein. Die entwicklungspolitische Solidarität dieser Bewegung schuf über Öffentlichkeitskampagnen in den nördlichen Ländern ein Bewusstsein für die Probleme der Dritten Welt und für die Zusammenhänge zwischen dem Reichtum des Nordens und der Armut des Südens.
Die Studie setzt beim 1975 gemeinsam von Entwicklungsorganisationen, Hilfswerken und Solidaritätsgruppen herausgegebenen Bericht «Entwicklungsland Welt – Entwicklungsland Schweiz» an und verfolgt das entwicklungspolitische Argument, dass weniger die Entwicklungshilfe ausgebaut, sondern vielmehr die wirtschaftlichen Beziehungen und Ausbeutungsverhältnisse zentral kritisiert und verändert werden müssten. Entsprechend werden die Thematisierungen von Welthunger, Fluchtgeld und Finanzplatz Schweiz, internationaler Verschuldung, multilateraler Kooperation, Entwicklungshilfebudgets und Reflexion über Solidarität in der Schweiz untersucht. Es wird gezeigt, wie diese innenpolitische Kritik Konfliktmuster und ideologische Konfrontationen beeinflusste. Diese Deutungskämpfe führten zu Bruchlinien innerhalb der Bewegung, die sich um die Frage der Politisierung von Entwicklung drehten. Der Ansatz einer Kulturgeschichte des Politischen untersucht zentral die Bedeutungszuschreibungen, Sinngebungen und Wahrnehmungsweisen der Akteure und Akteurinnen, und es wird danach gefragt, wie globale Themen für die nationale Situation anschlussfähig gemacht wurden.
Der Autor zeigt, wie der Solidaritätsbegriff im «verlorenen Jahrzehnt» der 1980er Jahre und damit die entwicklungspolitische Dritte-Welt-Bewegung zerfiel, dabei aber neue Formen -zivilgesellschaftlichen Engagements entstehen liess. Das Buch basiert auf bisher unerforschten Archivquellen entwicklungspolitischer Organisationen, der schweizerischen Hilfswerke und politischer Gruppen und leistet einen wichtigen Beitrag zur Analyse der aktuellen Debatte über Entwicklungspolitik, zur Rolle von zivilgesellschaftlichem Engagement und zum Verständnis der jüngsten schweizerischen Zeitgeschichte [Hrsg.].