Erinnerungen zwischen Exklusion und Inklusion / Timothy Williams... [et al.]

Articoli
Niemand erinnert sich gerne an Unschönes, und trotzdem tun wir es – jeder für sich, aber auch gemeinsam. Erinnerungen zu teilen und dadurch am Leben zu erhalten, ist ein sozialer Prozess, der uns zusammenbringt, aber auch Grenzen zu denjenigen zieht, die anders erinnern wollen. Erinnern dient stets der Gemeinschaftsbildung und aktiviert Grenzziehungen. Wie jede Grenzziehung trennt sie diejenigen, die dazu gehören, von denjenigen, die draußen bleiben sollen. Gerade für den Prozess der Herausbildung von Nationen ebenso wie anderer Gemeinschaftskonstrukte ist kollektives Erinnern an einschneidende Ereignisse konstitutiv. Gleichzeitig liegt hier neues Konfliktpotenzial: Es geht um die Frage danach, an wen und an was wie erinnert werden darf, aber auch, wer und was andererseits aus dem Kanon ausgeschlossen wird. Gerade so wird gemeinsame Erinnerung wesentlich eingesetzt, um die Super-Gemeinschaft, den Nationalstaat, nicht zuletzt mit affektiven Bezügen zu unterfüttern. Dies ist also ein zentraler Aspekt des oft als identitätsbildend verstandenen Geschichtsnarrativs, dem mit der Konstitution und Reproduktion der Abgrenzung eine eigenständige Bedeutung zukommt. [Auszug Editorial]