Gewerkschaftskämpfe / Roberto Véras de Oliveira... [et al.]

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In den letzten Jahrzehnten verloren die Gewerkschaften in Lateinamerika in vielen Bereichen stark an Einfluss und konnten in den neuen Branchen nicht Fuß fassen. Dafür waren nicht nur die geschilderten objektiven Bedingungen verantwortlich, sondern auch die Strukturen der Organisationen. Der ihnen vorgeworfene Bürokratismus war nicht nur eine Erfindung ihrer neoliberalen GegnerInnen, sondern ein reales Phänomen. Wie überall auf der Welt waren (und sind) Lateinamerikas Gewerkschaften Männerbünde, auch wenn es bereits in den allerersten (anarchosyndikalistischen) Berufsverbänden Frauen gab. Die Beschäftigten in den neuen Wirtschaftszweigen wie dem Agrarexport oder den Maquilas sind aber ganz überwiegend Frauen – meist ohne politische Erfahrung. Es waren (und sind) nicht alleine der Druck der Firmenleitungen und die antigewerkschaftliche Repression, sondern auch die männlich geprägten hierarchischen Konzepte von gewerkschaftlicher Arbeit, die eine breitere Organisierung in diesen Bereichen erschwer(t)en.

Dennoch gab und gibt es in Lateinamerika ArbeiterInnenkämpfe. Teilweise vollziehen sich diese Kämpfe zwischen Gewerkschaften und Unternehmen bzw. öffentlichen Arbeitgebern, teilweise gibt es aber auch Kämpfe, die engagierte KollegInnen vor Ort ohne oder gegen die Gewerkschaften durchstehen. Manche dieser Kämpfe werden aus einer absoluten Defensive geführt und muten, was Beteiligung, Ergebnisse und öffentliche Aufmerksamkeit angeht, eher bescheiden an, andere entfalten eine ungeheure Dynamik und werden von einer breiten Öffentlichkeit unterstützt. Für diesen Schwerpunkt zu ArbeiterInnen und Gewerkschaften haben wir uns vor allem auf die Suche nach konkreten Kämpfen gemacht, um deren Bedingungen und Schwierigkeiten in den Fokus zu rücken. Bei der Recherche hat sich immer wieder gezeigt, dass die Repression gegen GewerkschafterInnen und kämpferische ArbeiterInnen keinesfalls mit dem Abtritt der Militärdiktaturen zu Ende ist. Wenn heute organisierte KollegInnen ihre Rechte einfordern und dafür kämpfen, werden sie in den meisten Ländern kriminalisiert und müssen in einigen Staaten, wie etwa Kolumbien oder Honduras, sogar um ihr Leben fürchten! [Auszug Editorial]