Informell arbeiten / Veronika Bennholdt-Thomsen... [et al.]

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Weltweit gelten zwei Drittel aller Erwerbstätigen als informell beschäftigt. Doch wer oder was ist überhaupt der „informelle Sektor“? Informell arbeitet, wer ohne Sozialversicherung für sein Einkommen sorgt, wer auf der Straße oder in Transportmitteln des Nahverkehrs als sogenannte „fliegende“ HändlerInnen verkauft, wer ohne Vertrag in Haushalten ausgebeutet wird, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Theoretikerinnen der „Bielefelder Schule“ stellten schon vor einiger Zeit zum Thema Subsistenzproduktion und kapitalistische Akkumulation die These auf, dass der formelle auf den informellen Sektor angewiesen und diese Zweiteilung von daher unpräzise sei. Schließlich ermöglicht etwa die 15-jährige Hausangestellte mit ihrem Minimallohn, dass der oder die „kleine“ Verwaltungsangestellte im Betrieb schlechter bezahlt werden kann, oder die Garküchenhilfe am Straßenrand verkauft günstiges Essen an die Arbeiter in der Mittagspause. Somit erfüllt der informelle Sektor die Funktion, die Lohnansprüche der formell Arbeitenden so gering wie möglich zu halten.

Durch die gegenwärtige Wirtschaftskrise nehmen in Europa, besonders in den Ländern, die am stärksten von Finanzkrise und rasant wachsender Arbeitslosigkeit betroffen sind, Arbeitsverhältnisse zu, die unsicher, befristet, prekär, schlecht entlohnt sind. Prekarisierung und Informalisierung waren lange Zeit Phänomene, die charakteristisch für die sogenannten Entwicklungsländer waren. Seit den 1970er-Jahren galt Lateinamerika als die Weltgegend, in der am hemmungslosesten neoliberale Deregulierungen durchgesetzt wurden, in dessen Folge unter anderem Hunderttausende formell Beschäftigte ihre Arbeit verloren und der informelle Sektor stark wuchs. Doch ausgerechnet jetzt, wo in Europa krisenbedingt der informelle Sektor an Bedeutung gewinnt und ein starker Prekarisierungstrend erkennbar ist, scheint es in einigen Ländern Lateinamerikas gegenläufige Entwicklungen zu geben. [Auszug Editorial]