Land - Konflikt, Politik, Profit / Bettina Engels... [et al.]

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Die Landfrage stellt seit jeher einen umstrittenen Gegenstand politischer Debatten dar. Dabei geht es um das Aufbrechen von Zusammenhängen der Subsistenzproduktion, die Vertreibung von Bauern und Bäuerinnen, Verteilungsfragen, koloniale Landnahmen, die neoliberale Neuordnung der Landwirtschaft durch die Strukturanpassungsprogramme, Konflikte um Land im Zuge von Sezessions und Autonomiebestrebungen und viele weitere mehr. In jüngster Zeit ist die Landfrage im Zeichen des Klimawandels, der Energie und Nahrungsmittelpreiskrise, der Finanzmarktkrise sowie transnationaler agrarindustrieller Expansionsstrategien erneut auf die politische Agenda gelangt. Unter Schlagworten wie peak soil und land grabbing wird ein Trend kontrovers diskutiert, der in den letzten Jahren neue Ausmaße erreicht hat: internationale und nationale Investitionen in Land in Lateinamerika, Afrika und Asien. Deutsche Fondsgesellschaften investieren in brasilianisches Land, Brasilien schließt Kooperationsverträge mit afrikanischen Staaten zum Anbau von Zuckerrohr für die Produktion von Agrarethanol, China pachtet große Landflächen in Indonesien für den Reisanbau, und kolumbianische Palmölunternehmen eignen sich mit Hilfe der Paramilitärs kleinbäuerlich genutzte Landflächen für die Ausweitung ihrer Produktion an. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass Auseinandersetzungen um Land dabei keinesfalls nur als Ausdruck lokaler oder nationaler Strukturen und Veränderungen in den Ländern des Südens beschrieben werden können, sondern auch Spiegel und Bestandteil globaler Politiken und Machtbeziehungen sind. Agrar und Waldfonds versprechen „nachhaltige“ Formen der Geldanlage und führen zu einer privaten, spekulativ motivierten Aneignung von Land. Landwirtschaftlich nutzbare Flächen werden durch international agierende Unternehmen oder Regierungen anderer Staaten aufgekauft und damit der Produktion von Nahrungsmitteln zur lokalen Ernährungssicherung entzogen. Der Anbau von Nutzpflanzen zur Herstellung von Agrartreibstoffen soll als Alternative zum Erdöl zur Emissionsminderung und Gewährleistung der Kraftstoffversorgung im globalen Norden und Süden beitragen, gefährdet aber gleichzeitig die Ernährungssicherung in den Anbauländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.
Widerstand gegen diese Entwicklungen formierte sich im Zuge der jüngsten Nahrungsmittelpreiskrise 2007/08, als in zahlreichen Städten Afrikas und Lateinamerikas Proteste stattfanden, weil viele Menschen Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais und Getreide nicht mehr bezahlen konnten. Auch die sozialen Bewegungen gegen die negativen Folgen der zunehmenden Industri-alisierung und Globalisierung der Landwirtschaft haben zu der neuerlichen Prominenz der Landfrage beigetragen. Kleinbäuerliche Organisationen wie der Dachverband La Via Campesina oder die brasilianische Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra sind zu wichtigen Akteuren der globalisierungskritischen Bewegung avanciert. [Auszug aus Editorial]