Landgrabbing / Thomas Fritz... [et al.]

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(...) Landnahme, Landraub, Jagd nach Boden, Landgrabbing – das Thema ist nicht neu. Es steht in einer langen Traditionslinie mit den Landnahmen, Aneignungen und Vertreibungen während des europäischen Kolonialismus und der US-amerikanischen Interventionen in Lateinamerika. Neu an der aktuellen Welle sind das Ausmaß der Landnahme, die Geschwindigkeit sowie die dahinter stehenden Haupttriebkräfte. Das Phänomen deutet auf Machtverschiebungen und Produktionsveränderungen auf globaler Ebene hin. (...)
Das aktuelle Landgrabbing ist möglich geworden aufgrund der immensen und ungebremsten Kapital- und Güterströme über alle Grenzen hinweg. Die Akteure sind vielfältig und längst nicht nur im globalen Norden zu verorten. So ist die Agrarmacht Brasilien „Opfer“ und „Täter“ zugleich, Zielland von Landgrabbing und selbst aktiver Grabber, da es seine Erfahrungen mit hochindustrialisierten Soja- oder Zuckerrohrmonokulturen nach Paraguay, Kolumbien, Bolivien oder auch Mosambik bringt und auf dort gekauften oder gepachteten Flächen umsetzt.
Häufig ist mittlerweile auch von Greengrabbing die Rede. Gemeint sind damit Landkäufe mit der Absicht, Umwelt- oder Klimaschutzziele umzusetzen, etwa Wiederaufforstungsprojekte, Anbau von Soja, Zuckerrohr oder Ölpalmen für die Agrotreibstoffproduktion oder andere Projekte zur Energiegewinnung, die große Flächen beanspruchen. Die Hauptkritikpunkte sind – wie beim Landgrabbing generell –, dass die ortsansässige Bevölkerung gar nicht oder nur ungenügend informiert bzw. in Entscheidungsprozesse mit einbezogen und im schlimmsten Fall von ihren Territorien vertrieben wird. Und: Beim Greengrabbing erfolgt die Reparatur der bereits verursachten Schäden, z.B. CO2-Emissionen, nicht in den Ländern, die sie maßgeblich verursacht haben, sondern wird anderen aufgedrängt, etwa in Form von Monokulturen mit Energiepflanzen. Vielleicht sogar auf dem vielgepriesenen Brachland? [Auszug Editorial]