Schrecken der Vergangenheit : Schwerpunkt / Andreas Jacobs... [et al.]

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Damit Versöhnung Wurzeln schlägt und positive Entwicklung ermöglicht, müssen sich Menschen der Geschichte stellen. Das ist leichter gesagt als getan. Vergangenheitsbewältigung hat viele Dimensionen. Die wichtigsten sind:
– Wer Verbrechen begangen hat, muss juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, damit Recht gesprochen wird.
– Das Leid der Opfer muss anerkannt und ihre Würde wiederhergestellt werden.
– Die Opfer verdienen ärztliche, psychologische und sonstige Unterstützung, damit ihr Leid verringert wird und gesellschaftliche Wunden heilen können.
– Die Erinnerung an das Grauen muss wach bleiben, weil sonst echte oder vorgetäuschte Ignoranz Gerechtigkeit und Menschenwürde wieder bedrohen können.

Alle diese Dimensionen sind wichtig. Sie anzugehen ist aber schwer – unter anderem, weil in jeder gesellschaftlichen Katastrophe ein relevanter Teil der Bevölkerung mit den Tätern verbandelt ist. Nicht alle sind im rechtlichen Sinne schuldig, und selbst die moralische Schuld mag bei einigen Mitläufern eher gering sein. Diese Menschen können nicht auf Dauer ausgegrenzt werden, aber die Flecken in ihrer Biografie dürfen auch nicht einfach ignoriert oder weggewaschen werden.

Vergangenheitsbewältigung dauert lange. Keine Gesellschaft kann das auf einen Schlag erledigen. Die deutsche Geschichte war im 20. Jahrhundert mit Völkermord, zwei Weltkriegen und zwei totalitären Diktaturen besonders schrecklich. Heute sagen aber die meisten internationalen Beobachter, dass sich unser Land der Vergangenheit stellt und viel getan hat, um sich mit Regimeopfern und Kriegsfeinden wieder zu versöhnen. [Auszug Editorial]